29.05.09
Tatsächlicher Nutzen des Aspirins in der Primärprävention unbestimmt
Der Einsatz von Aspirin zur primären Vorbeugung bei Personen ohne Vorgeschichte ernsthafter Erkrankungen verringert die nicht tödlichen Herzattacken um etwa ein Fünftel. Allerdings erhöht der Wirkstoff auch das Risiko innerer Blutungen um etwa ein Drittel. Daher ist der langfristige Einsatz in dieser Patientengruppe von unbestimmtem Gesamtnutzen, da sich Vorteile und Risiken gegenseitig aufheben könnten. In der Sekundärprävention (bei Personen, die bereits an Gefäßverschlusskrankheiten leiden) überwiegen die Vorteile die geringen Risiken generell. Die Ergebnisse werden in einem aktuellen Artikel diskutiert.
In dieser vom britischen Medical Research Council geförderten Studie unternahmen Professor Colin Baigent von der Clinical Trial Service Unit und der Epidemiological Studies Unit (CTSU) an der Universität Oxford und Kollegen eine Metaanalyse mit individuellen Patientendaten von schwerwiegenden gefäßbedingten Ereignissen (Herzattacken, Schlaganfälle oder gefäßbedingte Todesfälle), wie auch von Massivblutungen. Die Daten entstammten 6 Studien zur Primärprävention, die 95 000 Personen mit niedrigem bis mittlerem Risiko, und 16 Studien zur Sekundärprävention, die 17 000 Personen mit hohem Risiko umfassten. Die Studien verglichen die langfristige Aspirin-Einnahme mit Kontrollen.
Die Forscher stellten fest, dass das Aspirin in den Primärpräventionsstudien das ohnehin geringe Risiko ernsthafter vaskulärer Ereignisse (Schlaganfall, Herzattacken, gefäßbedingte Todesfälle) um 12 Prozent veringerte, hauptsächlich wohl auf Grund der oben genannten geringeren Anzahl nicht tödlicher Herzattacken. Zwischen Schlaganfällen und gefäßbedingten Todesfällen konnte kein signifikanter Unterschied festgestellt werden, das kleine Risiko innerer Blutungen stieg jedoch bei den Aspirin-behandelten Patienten um etwa ein Drittel an. In den Sekundärpräventionsstudien mit Personen, die bereits einen Schlaganfall oder eine Herzattacke erlitten und ein erhebliches Risiko des erneuten Auftretens hatten, konnte Aspirin das Risiko schwerwiegender gefäßbedingter Ereignisse um etwa ein Fünftel reduzieren. Dieser Vorteil überwog eindeutig jegliche zusätzliche kleine Risiken von Blutungen. In beiden Studienansätzen lagen die anteiligen Verringerungen bei vaskulären Ereignissen für Männer und Frauen gleichauf.
Die Autoren folgern: "Die gegenwärtig verfügbaren Studienergebnisse scheinen allgemeine Richtlinien nicht zu rechtfertigen, die den routinemäßigen Einsatz von Aspirin bei allen gesunden Personen befürworten, die mit einem moderat erhöhten Risiko einer koronaren Herzkranheit leben."
Professor Baigent fügt hinzu: "Die Medikamentensicherheit spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Empfehlungen für mehrere Millionen gesunde Menschen geht. Wir haben keine eindeutigen Beweise, dass bei Gesunden der Nutzen langfristiger Aspiringabe die Risiken um einen entsprechenden Betrag überwiegt. Wenn die Wirksamkeit unbestimmt ist, dann sind Berechnungen der Wirtschaftlichkeit bedeutungslos."
In einem begleitenden Kommentar verwenden Professor Ale Algra und Dr. Jacoba P. Greving vom University Medical Centre im niederländischen Utrecht ein Modell der Kosteneffizienz, um ein Schema zu entwickeln, das zeigt, welche Bevölkerung in der Primärprävention von Aspirin profitieren könnte und welche nicht. Laut Schema ist die Verabreichung von Aspirin in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt. Die beiden Forscher folgern: "Patienten möchten vielleicht nicht medikamentiert werden, und Überlegungen wie diese sind wichtig für die Entscheidung, Aspirin zu nehmen oder nicht. Ob Statine gegenüber Aspirin bevorzugt werden sollen, ist eine andere und schwierige Frage, die ebenfalls sorgfältiger Überlegungen bedarf. Neben der medikamentösen Behandlung darf man die Wichtigkeit geänderter Lebensführung nicht vergessen, wie das Einstellen des Rauchens, gesundes Essen und regelmäßige körperliche Bewegung."
Quelle: Antithrombotic Trialists' Collaboration. Aspirin in the primary and secondary prevention of vascular disease: collaborative meta-analysis of individual participant data from randomised trials. Lancet 2009; 373: 1849
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