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THE LANCET   15.05.09
 
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Der Klimawandel ist die größte Bedrohung der globalen Gesundheit

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Ein gemeinsam von The Lancet und dem University College London (UCL) herausgegebener Bericht über Maßnahmen gegen die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels stellt fest, dass der Klimawandel die größte Bedrohung der globalen Gesundheit im 21. Jahrhundert darstellt. Darüber hinaus mahnt der federführende Autor Professor Anthony Costello an, dass die Untätigkeit in einer generationenübergreifenden Ungerechtigkeit münden wird, da unsere Kinder und Enkel unsere Generation für ein Ignorieren des Klimawandels verachten wird. Dies übrigens mit der gleichen moralischen Entrüstung, mit der wir heute auf jene zurückblicken, die die Sklaverei ins Land brachten und nichts dagegen unternahmen.

Diese erste UCL-Lancet-Kommission ist das Werk von UCL-Akademikern aus den verschiedensten Disziplinen der Universität. Dazu zählen Gesundheit, Anthropologie, Geografie, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswesen und Philosophie. Professor Costello stellt fest, dass dieses Klimawandelprojekt die an allen Universitäten vorhandenen typischen traditionellen interdisziplinären Barrieren einriß und hofft nun, das die Kooperation den Organen der globalen Ordnungspolitik als Modell der Zusammenarbeit dienen könnte. Das Team des UCL konzentrierte sich in seinem Bericht auf sechs Schlüsselbereiche: Krankheitsbilder und Sterblichkeitsmuster, Sicherung der Ernährung, Wasser und sanitäre Einrichtungen, Obdach und menschliche Siedlungen, extreme Ereignisse und Abwanderung der Bevölkerung.

Professor Costello meint: "Die wichtigste Botschaft dieses Berichts ist, dass der Klimawandel die Gesundheit von Milliarden von Menschen bedroht, und nicht nur eine Naturschutzfrage um Themen wie Eisbären oder Entwaldung ist." Er fügt hinzu: "Die Folgen werden nicht nur in Großbritannien zu spüren sein, sondern überall rund um den Globus, und dies nicht erst in ferner Zukunft, sondern bereits zu unseren Lebzeiten und denen unserer Kinder." Die Kommission diskutiert die Konsequenzen der Hochrechnungen des Weltklimarates (IPCC) auf die globale Gesundheit, von der optimistischen mittleren Zunahme der globalen Temperatur um 2 Grad Celsius bis hin zum katastrophalen Anstieg um 6 Grad Celsius. Die Autoren stellen ein Bündel möglicher Mechanismen vor, über die der Klimawandel sich auf die Gesundheit auswirken könnte, wobei manche früher wirken könnten als andere. Veränderte Krankheitsbilder und Sterblichkeitsmuster würden in größerer Häufigkeit und geografischer breiter verteilt auftreten als traditionelle endemische tropische Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber. Hitze, die "stille" Todesursache, hat einen erheblichen Effekt auf die Sterblichkeit, so wie beispielsweise die Hitzewelle im Jahr 2003, die in Europa bis zu 70 000 zusätzliche Todesopfer gefordert hat. Während manche glauben, dass die Bevölkerungen Indiens und Afrikas gegenüber Hitzewellen resistenter wären, so gibt es doch nur wenige Hinweise dafür. Größere Hitzewellen könnten die Sterblichkeitsraten in diesen Bevölkerungen sogar stärker anheben als in den Industrienationen.

Die Sicherung der Nahrungs- und Wasserversorgung wird ein wesentlicher Aspekt werden, wenn sich der Klimawandel fortsetzt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Getreide den Temperaturänderungen weit empfindlicher gegenüberstehen als bislang angenommen. Eine Änderung von einem Grad Celsius kann einen Unterschied von 17 Prozent im Ertrag zur Folge haben. Professor Costello bemerkt: "Wenn wir in den nächsten 20 oder 30 Jahren erste Effekte spüren, könnten fallende Getreideerträge durch steigende Nahrungsmittelpreise erhebliche Folgen haben: Betrachten wir das vergangene Jahr, als die Nahrungsmittelpreise weltweit in die Höhe schnellten. Eine Milliarde Menschen leidet gegenwärtig unter mangelhafter kalorienarmer Ernährung, und diese Situation wird sich verschlimmern, da der Bedarf in Indien, China und anderen Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum zunimmt." Bis zu 250 Millionen Menschen in Afrika werden bis 2020 mit Wasserknappheit konfrontiert sein, wenn keine Maßnahmen der Anpassung getroffen werden. Wasser und sanitäre Einrichtungen sind von wesentlicher Bedeutung, Magen-Darm-Entzündungen und Fehlernährung zu vermeiden. Schmelzende Gletscher, veränderte Flussläufe und Regenzeiten verursachen bereits Überschwemmungen und Dürre.

Rasche Verstädterung, gerade in den Entwicklungsländern, führt zu unangemessenen Behausungen, insbesondere zu Elendsvierteln, die den extremen klimatischen Ereignissen besonders stark ausgesetzt sind. Extreme Vorkommnisse, darunter Zyklone und Hurrikane haben sich nach Aussage der Versicherungsgesellschaften in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Allerdings haben wohlhabendere Länder im Vergleich zu den ärmeren während eines Ereignisses wie einem Wirbelsturm meist nur wenige Opfer zu beklagen. Der Hurrikan Katrina forderte 1850 Menschenleben, im Vergleich hierzu der jüngste Zyklon in Burma, hier werden 150 000 Opfer vermutet. Von den 20 größten Städten der Erde liegen 13 an der Küste. Während Erhöhungen des Meeresspiegels noch irgendwo zwischen 0,5 und 1,2 Metern im Verlauf des 21.  Jahrhunderts angekündigt wurden, tauchen bereits einige Vorhersagen von bis zu 5 Metern auf. Dies hätte katastrophale Folgen.

Professor Costello stellt fest: "Wir könnten vor einem Wendepunkt der öffentlichen Einschätzung stehen. Ich denke, die Gesundheitslobby ist in diese Diskussion recht spät eingestiegen und hätte sich stärker zu Wort melden sollen. Junge Menschen realisieren, dass dies die große Fragestellung unserer Zeit ist." Der Forscher schlägt anhand dieses Berichts drei führende Maßnahmenpunkte vor: "Erstens, wir müssen das Gesundheitswesen in diese Debatte der Schadensminderung einbeziehen. Sie müssen die Bedrohung unserer Kinder und Enkel durch klimawirksame Gase und Entwaldung hervorheben. Zweitens, es muss eine Konzentrierung auf die Gesundheitssysteme geben, da es bezüglich dieser Systeme weltweit ein erhebliches Ungleichgewicht gibt. Aus diesem Grund wird für Afrika als Folge der weltweiten Veränderungen der Umwelt ein Verlust gesunder Lebensjahre vorhergesagt, der um das 500-fache höher liegt als in den europäischen Ländern, obwohl Afrika nur minimal zu den Ursachen des Klimawandels beiträgt. Drittens, wir müssen Win-win-Situation entwickeln, in welchen wir uns anpassen und den Klimawandel entschärfen. Gleichzeitig müssen wir Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen verbessern. Es liegen wesentliche gesundheitsbezogene Vorteile in einem CO2-armen Lebensstil verborgen, die Fettleibigkeit, Herz- und Lungenerkrankungen, Diabetes und Stress verringern können."

Professor Costello folgert daher: "Wir denken, dass alle wichtigen Akteure zusammentreten müssen, Gesundheitswesen, Politik, Wissenschaft, Technologie und Zivilgesellschaft. Wir haben einen Rahmenkatalog von Maßnahmen vorgelegt, und wir haben einen Abgleich der Informationen bezüglich der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels gefordert, die zu einer wichtigen internationalen Konferenz innerhalb der nächsten beiden Jahre führen sollen. Wir wünschen uns insbesondere die Vertretung der ärmeren Länder. Diese Konferenz könnte klare Indikatoren benennen, Ziele und Mechanismen der Rechenschaftspflicht festsetzen. Wir benötigen eine neue Gesundheitsbewegung im 21. Jahrhundert, um dem Klimawandel zu begegnen."

Quelle: A Costello . Managing the health effects of climate change. Lancet 2009; 373: 1693
 
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