THE LANCET 15.05.09
 

Frühzeitige Physio- und Ergotherapie bei kritischen Erkrankungen vorteilhaft
Zu den langfristigen Komplikationen kritischer Erkrankungen gehören auf der Intensivstation erworbene Muskelschwäche und neuropsychiatrische Erkrankungen - beide könnten auf die einer Ruhigstellung folgenden Immobilisierung zurückgeführt werden. Ein aktueller, vorab 'Online First' veröffentlichter Artikel zeigt, dass eine Unterbrechung der Ruhigstellung bereits in der Frühphase der Behandlung, um kritisch erkrankten Patienten physio- und ergotherapeutisch helfen zu können, zu besseren Ergebnisparametern führt als die Standardfürsorge.

In dieser randomisierten kontrollierten Studie analysierten Dr. John Kress von der University of Chicago und Kollegen sedierte Patienten in den Intensivstationen, die für weniger als 72 Stunden einer künstlichen Beatmung unterworfen waren und für wenigstens 24 weitere Stunden beatmet werden sollten. Die Patienten wurden frühzeitigen Anwendungen und Mobilisationen (49 Patienten der Interventionsgruppe) oder der Standardfürsorge zugeteilt, die je nach Ermessen des Intensivstationsteams die Ruhigstellung täglich unterbrach und therapeutische Maßnahmen ergriff (55 Patienten der Kontrollgruppe). Die Studie berechnete den Anteil jener Patienten aus beiden Gruppen, die zum Zeitpunkt der Entlassung einen unabhängigen funktionellen Status (IFS) erreicht hatten – definiert als Fähigkeit, sechs Tätigkeiten des täglichen Lebens vollbringen und ohne Hilfe gehen zu können.

Die Forscher stellten fest, dass 59 Prozent der Patienten in der Interventionsgruppe diesen IFS erreicht hatten verglichen mit den 35 Prozent der Kontrollgruppe. Die Interventionspatienten litten zudem nur die Hälfte der Zeit (2 Tage) unter den typischen Wahrnehmungsstörungen auf den Intensivstationen als die Kontrollpatienten (4 Tage). Außerdem hatten die Interventionspatienten mehr beatmungsfreie Tage während der Intensivpflege in den 28 Tagen des Nachuntersuchungszeitraums (23,5 Tage gegenüber 21,1 Tagen).

Die Autoren folgern: "Diese Strategie für eine den ganzen Körper erfassende Rehabilitation beinhaltete die Unterbrechung der Sedierung und nachfolgende Physio- und Ergotherapie bereits in den ersten Tagen der kritischen Erkrankung. Sie erwies sich als sicher und gut verträglich und resultierte in besseren funktionellen Ergebnisparametern zum Zeitpunkt der Entlassung aus der Klinik, einer kürzeren Deliriumsphase und häufigeren beatmungsfreien Tagen im Vergleich zur Standardtherapie."

Die Forscher fügen hinzu: "Diese Studie betont die stabilen Ergebnisse, die mit koordinierten Anstrengungen verschiedenster Disziplinen erreicht werden können. Diese dienen alle dem Überleben und der körperlichen Erholung kritisch erkrankter, einer künstlichen Beatmung unterliegenden Patienten."

In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Stephan M. Jakob und Dr. Jukka Takala von der Berner Universitätsklinik für Intensivmedizin: "Die Ergotherapie sollte in der Behandlung kritisch erkrankter Patienten eine zentrale Rolle spielen. Die Physiotherapie wird bei Patienten der Intensivstationen in den USA während der Rehabilitation von einer kritischen Erkrankung zwar allgemein angewandt, dennoch variieren Häufigkeit und Art der Physiotherapie erheblich zwischen den verschiedenen Szenarien in Krankenhäusern und Kliniken."

Quelle: WD Schweickert and others. Early physical and occupational therapy in mechanically ventilated, critically ill patients: a randomised controlled trial. Lancet 2009; 373: 10.1016/S0140-6736(09)60658-9

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