25.07.08
Kombinationstherapien steigern Lebenserwartung HIV-infizierter Patienten um 13 Jahre
Die Optimierung und die Langzeitwirkung von antiretroviralen Kombinationstherapien (cART) führten in den Industrieländern in den Zeiträumen von 1996-99 und 2003-05 bei HIV-Patienten zu einer Steigerung der Lebenserwartung um etwa 13 Jahre und damit gleichzeitig zu einem Rückgang der Sterblichkeit um nahezu 40 Prozent. Dennoch liegt die Lebenserwartung solcher Patienten im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung deutlich niedriger, die Lebenserwartung erst spät im Krankheitsverlauf behandelter Patienten ist sogar wesentlich schlechter, folgern die Autoren eines aktuellen Artikels der HIV-Spezialausgabe.
Seit der Einführung der cART im Jahr 1996 wurden die Verfahren der Kombinationstherapien immer wirksamer, verträglicher und im Sinne der Dosierung vereinfacht. Allerdings ist der Effekt von HIV auf die Lebenserwartung im Zeitalter der Kombinationstherapie auf Grund der relativen Neuartigkeit der Behandlung noch kaum untersucht. Professor Robert Hogg (British Colombia Centre for Excellence in HIV/AIDS im kanadischen Vancouver und Simon Fraser University in Burnaby), Professor Jonathan Sterne (University of Bristol, Großbritannien) und Kollegen von der Antiretroviral Therapy Cohort Collaboration (ART-CC) verglichen die Änderungen in Sterblichkeit und Lebenserwartung bei HIV-positiven Personen unter cART.
Diese Zusammenarbeit von 14 Studien in Europa und Nordamerika analysierte jeweils 18 587, 13 914 und 10 584 Patienten, welche die cART in den entsprechenden Zeiträumen 1996-99, 2000-02 und 2003-05 begonnen hatten. Insgesamt starben 2056 Patienten während des Studienverlaufs, wobei die Sterblichkeit von 16,3 Todesfällen pro 1000 Personenjahren im Zeitraum 1996-99 auf 10,0 in der Zeit von 2003-05 zurückging – eine Verringerung von nahezu 40 Prozent. Der Verlust an Lebensjahren (potential life years lost, PYLL) pro 1000 Personenjahren ging im selben Zeitraum von 366 auf 189 ebenfalls zurück – eine Verringerung von 48 Prozent. Die Gesamtlebenserwartung einer exakt 20-jährigen Person unter cART stieg von 56,1 Jahren im Zeitraum 1996-99 auf 69,4 Jahre im Zeitraum 2003-05 an, eine Zunahme von mehr als 13 Jahren. Im Krankheitsverlauf erst später behandelte Patienten mit niedrigeren CD4-Zellzahlen (unter 100 Zellen pro Mikroliter Blut zu Beginn der cART) hatten mit 52,4 Jahren eine geringere Gesamtlebenserwartung im Vergleich zu den 70,4 Jahren der frühzeitiger behandelten Patienten mit höheren CD4-Zellzahlen (über 200 Zellen pro Mikroliter). Patienten mit einer mutmaßlich per Drogeninjektion übertragenen Infektion hatten eine kürzere Gesamtlebenserwartung (52,6 Jahre) als jene mit einer anderweitig übertragenen Infektion (64,7 Jahre). Letztendlich hatten Frauen eine geringfügig höhere Lebenserwartung als Männer (64,2 gegenüber 62,8 Jahre), was daran liegen könnte, dass Frauen ihre Therapie im Verlauf der HIV-Erkrankung durchschnittlich etwas früher begonnen haben.
Tortz dieser erfreulichen Ergebnisse wird eine HIV-positive 20-jährige cART beginnende Person im Durchschnitt nur weitere 43 Jahre (bis 63) zu leben haben, während eine 20-jährige HIV-negative Person in den Industrieländern eine Lebenserwartung von nahezu 80 Jahren hat, ein Unterschied von fast 20 Jahren. Diese letzte Erkenntnis veranlasst die Autoren, von den Gesundheitsbeauftragten Verbesserungen bei den Gesundheitsdiensten und den Lebensbedingungen HIV-infizierter Patienten einzufordern, um diese Lücke zu schließen.
Die Autoren stellen fest: "Die nachhaltigen Verringerungen der Sterblichkeit sowie die Zugewinne in der Lebenserwartung im Verlauf der drei hier untersuchten Zeiträume sind möglicherweise das Ergebnis der Verbesserungen der Therapien in der ersten Dekade der cART wie auch des stetigen Rückgangs der Sterblichkeitsraten unter den Personen, die für längere Zeit derartige Behandlungen durchliefen. Diese Vorteile haben die HIV-Infektion von einer tödlichen Bedrohung, wie sie sich für Patienten vor Einführung der Kombinationstherapien darstellte, zu einer langfristigen chronischen Erkrankung gewandelt."
Die Forscher folgern: "Zusammengefasst deuten die Ergebnisse dieser Studie an, dass HIV-infizierte Personen in den Industrieländern zunehmend positive gesundheitliche Folgen der cART erwarten können. Der deutliche Anstieg der Lebenserwartung seit 1996 ist ein Testament der schrittweisen Verbesserungen und des Gesamterfolgs solcher Behandlungen."
In einem begleitenden Kommentar beleuchtet Dr. David Cooper vom National Centre in HIV Epidemiology and Clinical Research an der University of New South Wales im australischen Sydney die widersprüchlichen, mit den CD4-Zellzahlen zu Beginn der Behandlung verknüpften Überlebensraten. Er erwartet die Ergebnisse der bevorstehenden Patienten vergleichenden START-Studie, in der eine Gruppe mehr als 500 CD4-Zellen pro Mikroliter Blut hat, die andere 350 Zellen/Mikroliter oder weniger. Der Forscher bemerkt, die Vermeidung ernsthafter Nicht-Aids-Erkrankungen und CD4-Verluste sowie eine mögliche frühzeitige Aktivierung des Immunsystems bei HIV-infizierten Personen mit mehr als 500 CD4-Zellen pro Mikroliter "ist möglicherweise die wichtigste klinische Studie, die in der Nach-cART-Ära durchgeführt werden sollte."
Quelle: The Antiretroviral Therapy Cohort Collaboration. Life expectancy of individuals on combination antiretroviral therapy in high-income countries: a collaborative analysis of 14 cohort studies. Lancet 2008; 372: 293
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