16.11.07
WHO-Online-Anhörungen von der Pharmaindustrie unterwandert?
Die Art und Weise, in welcher Pharmaunternehmen die öffentlichen Online-Anhörungen der Weltgesundheitsorganisation WHO offensichtlich beeinflussten, werden in einem vorab veröffentlichten Schriftwechsel und einer demnächst erscheinenden "The Lancet"-Ausgabe untersucht. Diese Online-Anhörungen galten einer Strategie, Forschung und Entwicklung zum Problem der ignorierten Krankheiten in den Entwicklungsländern und den Zugang zu Medikamenten zu fördern.
Dr. Viroj Tangcharoensathien und Kollegen vom thailändischen Gesundheitsministerium in Nonthaburi analysierten eingesandte Vorlagen an die Internationale Arbeitsgruppe auf Regierungsebene (IGWG); eine von der WHO eingerichtete Arbeitsgruppe, die den Beitrag interessierter Organisationen unterstützen soll.
Der Punkt 'geistiges Eigentum' (Intellectual Property IP) erzielte die meisten Antworten, 43 von 68 Vorlagen galten diesem Thema. Die Autoren meinen: "Obwohl wir nicht überrascht waren, dass 11 von 12 direkt der pharmazeutischen Industrie angegliederte Organisationen einen starken Schutz des geistigen Eigentums unterstützten, war es doch überraschend, dass 14 Patienten-Interessensgruppen eine ähnliche Position einnahmen, wobei dies in einigen Fällen die einzige in ihrer Vorlage erhobene Forderung war; drei professionelle Verbände vertraten ebenfalls ähnliche Ansichten."
Die Autoren untersuchten daraufhin die finanzielle Unterstützung dieser Organisationen, wobei sie auf öffentlich verfügbare Daten wie beispielsweise organisationseigene Webseiten und Internetsuche zugriffen. Die Forscher stellen fest: "11 der 14 Patienten-Interessensgruppen und alle drei professionelle Verbände erhielten ihre finanzielle Unterstützung von der pharmazeutischen Industrie, entweder direkt an die Organisation oder für Aktivitäten ihrer geschäftsführenden Direktoren." Die Autoren verweisen auf eine kanadische Patienten-Interessensgruppe, die Unterstützung gleich von mehreren pharmazeutischen Firmen erhielt, und bemerken: "Zudem fanden wir nahezu identische Formulierungen oder Konzepte in ihren eingereichten Beiträgen."
Sie folgern: "Das Problem, dass die pharmazeutische Industrie Patienten-Interessensgruppen vereinnahmt, ist nicht neu. In diesem Fall haben wir jedoch ernsthafte Zweifel bezüglich der Motive und der Glaubwürdigkeit dieser Vorlagen zu den Online-Anhörungen. Wir müssen dringend empfehlen, dass Mitwirkende der Online-Anhörungen jeglichen Interessenskonflikt offenlegen, wie es auch von Autoren verlangt wird, die eine Veröffentlichung bei von Experten begutachteten Fachjournalen einreichen."
Ein begleitender Leitartikel diskutiert die verwirrenden Probleme um den Schutz des geistigen Eigentums und inwieweit die Entscheidung, die Gespräche letzter Woche auszusetzen, statt die gegensätzlichen Fragestellungen hastig abzuarbeiten, von den meisten Mitgliederstaaten, die Länder mit geringem und mittlerem Einkommensstatus repräsentieren, begrüßt wurde.
Der Leitartikel folgert: "In armen Ländern lebende Menschen haben den größten Gewinn von einer globalen Strategie und einem Aktionsplan, aber sie haben auch das Meiste zu verlieren. Der IGWG-Prozess darf nicht scheitern oder schwanken, wie strittig die Sachfragen und stark oder manipulativ die Gegner auch sein mögen."
Quelle: Editorial. IGWG suspended but must not stall. Lancet 2007; 370: 1666
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