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Tropenmedizin: Brüchiges Werkzeug des neuen Imperialismus Das Editorial dieser Woche setzt sich kritisch mit der Art und Weise auseinander, wie Tropenmedizin noch immer in einem überholten kolonialistischem Stil strukturiert sei. Es fordert die Disziplin, "gegenwärtigen imperialistischen Kräften zu widerstehen, die sich unter dem Deckmäntelchen der Terroristenbekämpfung und korporativen Kolonialismus verbergen." The Lancet fordert von der Tropenmedizin ein Umschreiben der Geschichte, die den Eindruck eines "Symbols sozialer Aufklärung, individuellen Opfers und wissenschaftlichen Altruismus" vermittle, während sie doch stattdessen "vorherrschende Politik von Kolonialismus, Militarismus und Gewalt akzeptiert habe". Die Medizin in den Tropen habe ein "Jahrhundert der Schande" hinter sich. Das Editorial sinniert über die gegenwärtigen Probleme, mit denen sich die Medizin in den Tropen, insbesondere in Afrika, auseinander setzen muss: Massenhafte Vertreibung von Menschen, eine wachsende Epidemie nicht aufzählbarer Krankheiten, zusammenbrechende Gesundheitssysteme, ein verzweifelter Bedarf an Unterstützung angesichts der überbordenden HIV/AIDS-Epidemie und der mangelnde bis fehlende, teilweise gar versagte Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten. Die Möglichkeiten der Globalisierung, diese Probleme zu lösen, wurden durch unvergleichliches globales Missmanagement durchkreuzt - insbesondere durch undemokratische supranationale Agenturen und undemokratische transnationale Korporationen. Das Editorial nennt vier Prioritäten: "Zum Ersten muss dafür gesorgt werden, dass im Land selbst das Leistungsvermögen - insbesondere auch der Menschen - entsteht, Probleme zu definieren, an deren Lösung gearbeitet werden soll, ohne von außen einen verwestlichten Blick auf diese Probleme aufgezwungen zu bekommen. Wenn der Erfolg von medizinischen Programmen in den Tropen betrachtet werden soll, muss die Frage lauten: Wer profitiert am meisten? Allzu häufig sind das die westlichen Akademiker, welche die Forschung in der Tropenmedizin leiten, organisieren und durchführen." "Zweitens muss auf lokale Stimmen gehört werden. Beispielsweise richtet der Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria endlich drei Jahre nach der Gründung ein 'Partnerforum' ein, um nur ein weiteres undurchsichtiges Reiche-Welt-Patronat zu nennen. Drittens sollten Ärzte gegen Vorgehensweisen protestieren, die Anstrengungen zur Verbesserung der Gesundheitssituation der Armen schädigen, wie beispielsweise das diskriminierende Handelsembargo der USA bezüglich wissenschaftlicher Veröffentlichungen (siehe S. 1160). Zu guter Letzt muss Forschung ins Zentrum der politischen Entwicklung gerückt werden. Wir akzeptieren einerseits experimentelle Ansätze zur Überprüfung der Wirksamkeit klinischen Praktiken (siehe S. 1093), und erlauben andererseits doch zu oft, dass Ideologien die politische Praxis regieren." Das Editorial schließt: "Die Tropenmedizin wandelt sich. Die sich überschneidenden Linien von Krankheit und öffentlicher Gesundheit werden radikal neu gezeichnet. Die Globalisierung hat uns allen - erschreckend - deutlich gemacht, was für ein verstörender Mix aus Gleichgültigkeit und Eingreifen in unser aller Namen angerichtet wurde. Ärzte dürfen die vor uns liegenden schamlosen unmoralischen Projekte nackten Imperialismus nicht durch die geheiligten Roben der Demokratie verhüllen lassen. Wir dürfen die rechtschaffene Entschuldigung der notwendigen Stärkung der Staatssicherheit nicht zulassen, um damit Gewalt seitens des Staates zu versüßen. Die Tropenmedizin hat ihre Wurzeln in den Leben, Gemeinschaften, Bedingungen und Krankheiten der Tropen. Ihr Kontext aber ist ausdrücklich und dringend politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur. Ist die Tropenmedizin des 21. Jahrhunderts dieser ihrer kritischsten Zwickmühle gewachsen?" Quelle: Editorial. Tropical medicine: a brittle tool of the new imperialism. Lancet 2004; 363: 1087 http://www.thelancet.com |
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