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THE LANCET   16.07.10
 
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HIV erhöht Todesfallrisiko auch bei hohen CD4-Zellzahlen

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Neue vorab online veröffentlichte Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass HIV-Infektionen das Todesfallrisiko steigern könnten, wenn die betroffenen Personen noch keine antiretrovirale Therapie (ART) begonnen haben und die CD4-Zellzahlen über 350 Zellen pro Mikroliter Blut liegen. Diese Steigerungen erscheinen jedoch relativ moderat. Da eine ART das Todesfallrisiko solcher Patienten senken könnte, unterstützen die jüngsten Ergebnisse die Notwendigkeit, Studien hinsichtlich des Nutzens und Risikos eines Starts einer ART bei CD4-Zellzahlen oberhalb von 350 Zellen pro Mikroliter fortzuführen. Der Artikel stammt von Rebecca Lodwick und Professor Andrew Phillips sowie Kollegen von der HIV Epidemiology and Biostatistics Group der University College London Medical School.

Die Studie erfasste die Daten von 23 europäischen und nordamerikanischen Kohorten. Standardisierte Sterblichkeitsraten (SMRs) wurden berechnet, nach Alter, Geschlecht und Jahr bereinigt und nach Risikogruppen geschichtet. Die Daten von Patienten im Alter von 20 bis 59 Jahren wurden herangezogen, wenn sie zumindest einmalig CD4-Zellzahlen oberhalb von 350 Zellen pro Mikroliter Blut aufwiesen und noch keine ART begonnen hatten. Die Sterblichkeit wurde in vier Risikogruppen untersucht: homosexuelle Männer, Heterosexuelle, Konsumenten injizierbarer Drogen und jene mit anderen oder unbekannten Risiken.

Die Daten von 40 830 Patienten, die mit 80 682 Personenjahren Nachuntersuchung beitrugen, wurden analysiert. Von 419 Todesfällen wurden 401 für die SMR-Analyse herangezogen: 100 homosexuelle Männer (SMR 1,30 oder ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung um 30 Prozent gesteigertes Risiko); 68 heterosexuelle Personen (SMR 2,94; nahezu dreifach gesteigertes Risiko); 203 Konsumenten injizierbarer Drogen (SMR 9,37; mehr als das neunfach gesteigerte Risiko), und 30 in der Kategorie anderer oder unbekannter Risiken (4,57). Im Vergleich zu CD4-Zellzahlen von 350 bis 499 Zellen pro Mikroliter lag die Sterblichkeit bei Patienten mit Zahlen von 500 bis 699 Zellen pro Mikroliter um 23 Prozent, bei Zellzahlen von 700 oder mehr Zellen pro Mikroliter Blut um 34 Prozent niedriger.

Die Autoren stellen fest: "Die Steigerung des Risikos war bei Drogenkosumenten und Heterosexuellen erheblich, bei den homosexuellen Männern jedoch gering. Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass ein großer Anteil des erhöhten Risikos der beiden vorgenannten Risikogruppen möglicherweise aus einer Vermischung von sozioökonomischen und Lebensstilfaktoren resultiert, und nicht aus einem Effekt der eigentlichen HIV-Infektion selbst. Das Ausmaß des erhöhten Risikos in der Gruppe homosexueller Männer gibt weit wahrscheinlicher den Effekt des HIV wieder."

Nach Ansicht der Autoren stimmt dies mit Ergebnissen anderer Studien überein, die ein gesteigertes Todesfallrisiko der Geschwister von HIV-Infizierten gegenüber den Geschwistern einer Kontrollpopulation ohne HIV-Infektion zeigen. D.h., es liegen statt der eigentlichen HIV-Infektion soziale oder andere Umstände vor, die einer Person das höhere Todesfallrisiko aufbürden.

Die Autoren folgern: "Die Daten lassen vermuten, dass HIV das Todesfallrisiko bei jenen Personen steigern könnte, die noch keine ART begonnen haben und deren CD4-Zellzahlen über 350 Zellen pro Mikroliter Blut liegen, wobei jedoch jegliche Steigerung relativ moderat erscheint. Da eine ART das Todesfallrisiko solcher Patienten verringern könnte, unterstützen diese Ergebnisse die Fortführung von Studien, die Nutzen und Risiken des Beginns einer ART bei CD4-Zellzahlen von über 350 Zellen pro Mikroliter untersuchen."

In einem Kommentar fragen Dr. Ingrid Bassett vom Massachusetts General Hospital in Boston und Dr. Paul Sax vom Brigham and Women's Hospital der Harvard Medical School in Boston, ob vergleichbare Ergebnisse auch in ärmeren Gemeinden gewonnen werden könnten. Die Kommentatoren stellen fest, dass der Effekt einer unbehandelten HIV-Infektion auf die Sterblichkeit bei höheren CD4-Zellzahlen auf Grund höherer Raten an Infektionskrankheiten in solchen Gemeinden eventuell sogar noch größer ausfallen könnte.

Die Folgerung der Kommentatoren lautet: "Die Studie von Lodwick und Kollegen ist eine der umfangreichsten Beobachtungsstudien, die gesteigerte Sterblichkeitsraten bei weniger fortgeschrittenen HIV-Infektionen analysiert. Ob nun der Beginn einer antiretroviralen Therapie dieses Risiko bei höheren CD4-Zellzahlen als in europäischen und US-amerikanischen Richtlinien empfohlen, mindert, bleibt ungewiss. Zumindest eine Studie wird vorbereitet, die eine unmittelbare gegenüber einer verzögerten Gabe von antiretroviralen Medikamenten bei diesen Patienten vergleicht. Da die Ergebnisse dieser Studie möglicherweise noch Jahre auf sich warten lassen, müssen Ärzte jene Risikofaktoren für chronische Erkrankungen hartnäckig überprüfen, vorbeugen und behandeln, die zur verbleibenden übermäßigen Sterblichkeit bei frühen HIV-Infektionen beitragen. Diese Faktoren umfassen den Konsum von Tabak, von injizierten Drogen, erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit und virale Hepatitis. Selbst für jene mit relativer Immunkompetenz bleibt eine HIV-Infektion ein Gegner mit vielen Gesichtern."

Quelle: Study Group on Death Rates at High CD4 Count in Antiretroviral Naive Patients. Death rates in HIV-positive antiretroviral-naive patients with CD4 count greater than 350 cells per μL in Europe and North America: a pooled cohort observational study. Lancet 2010; 376: 10.1016/S0140-6736(10)60932-4
 
http://www.thelancet.com
 
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