THE LANCET 02.07.10
 

Miserable Geburtsbedingungen unter militärischer Besetzung
Ein aktueller vorab online veröffentlichter Abstract liefert erschütternde Berichte von Frauen, die während des israelischen Angriffs auf den Gaza-Streifen zwischen Dezember 2008 und Januar 2009 entbunden hatten. Der Abstract stammt von Sahar Hassan und Laura Wick von der Birzeit University im besetzten palästinensischen Gebiet Westjordanland.

Frauen, die zwischen dem 27. Dezember 2008 und dem 18. Januar 2009 entbunden hatten, sowie ihnen dabei assistierende Hebammen wurden identifiziert und eine kleine Gruppe unter ihnen befragt. Mit Ausnahme einer Frau, die ablehnte, waren alle erleichtert, ihre Erfahrungen wiedergeben zu können.

Sieben von 11 Frauen brachten ihre Kinder in Krankenhäusern zur Welt, eine in einer Klinik, und drei zuhause. Sieben waren Vaginalgeburten, drei erfolgten per Kaiserschnitt, und eine Frau erlitt eine Fehlgeburt. Einige der Komplikationen umfassten Sepsis, erhebliche Schmerzen in Rücken und Nacken durch die Narkose, Unterkühlung des Neugeborenen und eklamptische Krämpfe. Die befragten Frauen und fünf Hebammen beschrieben die Geburten während der Bombenangriffe mit Toten und verletzten Menschen um sie herum, und wie sie Gewalt, Angst und Unsicherheit verkraften mussten. Dazu kamen Einsamkeit und Schmerzen beim Warten auf den eigentlichen Beginn der Geburt, auf das Baby, auf das Wiedersehen mit den Angehörigen.

Eine Frau beschrieb die Nächte als Ghuls (Dämonen) und bemerkte: "Ich dachte nicht wie andere Menschen an den Tod oder den Beschuss, ich dachte nur an meine Situation. Was würde geschehen, wenn die Wehenschmerzen in der Nacht einsetzen? Wie würde ich damit zurechtkommen? Sie beschossen sogar Krankenwagen! Die Nächte waren wie Alpträume. Jeden Morgen konnte ich mit einem Stoßseufzer aufatmen, dass es wieder Tag war." Eine andere Mutter berichtet: "Ich kann nicht glauben, dass ich noch am Leben bin. Tatsächlich denke ich, dass ich ins Leben zurückgesandt wurde. Nun versuche ich, nicht mehr an diese Zeit zu denken."

Die Autoren stellen fest: "Die Frauen fühlten sich angesichts des Bombardements auf sie selbst oder ihre Familien zuhause oder in den Straßen und Krankenhäusern in Todesangst gefangen - zumal wenn zur Entbindung weder Geburtshelfer verfügbar noch Nothilfe erreichbar waren. Die Hebammen gaben ihren Ängsten Ausdruck, wenn sie unter Nötigung Geburtshilfe leisten mussten; und auch ihrer fehlenden Vorbereitung hinsichtlich Material und Psychologie, um außerhalb der Krankenhäuser zu assistieren. Die Frauen arrangierten sich mit dem was sie erlebten, indem sie sich, wie von Veena Das vorgeschlagen, auf das Alltagsleben konzentrierten und um das Überleben ihrer Familie kümmerten. Dies schien wesentliche Bedeutung für die Rekonstruktion ihrer zersplitterten Existenzen zu haben."

Die Folgerung der Autoren lautet: "Die Frauen drückten ihre erlittenen schweren Traumata aus, aber auch ihren heldenhaften Kampf, zu entbinden, dabei zu helfen, und mit ihren Familien zu überleben. Diese Frauen lebten einen Prozess der Heilung, umgeben von Zerstörung, und ohne einen Ort der Zuflucht haben sie den Wiederaufbau ihres Lebens begonnen."

Quelle: Sahar Hassan, Laura Wick. Women in labour and midwives during Israeli assault on Gaza Strip: between bullets and labour pains. Lancet 2010; 376: im Druck

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