25.06.10
Neue Strategien gegen Diabetes dringend notwendig
Diabetes und ihre Komplikationen entwickeln sich zu einer der wichtigsten Belastungen im südlich der Sahara gelegenen Afrika, da die Krankheit bis 2030 ihre Häufigkeit wohl verdoppeln wird. Mit der weltweit schnellsten Rate der Verstädterung und elementaren Änderungen des Lebensstils sieht sich die Region bereits jetzt einer Diabetes-Typ-2-Epidemie gegenüber, wobei die finanziellen Mittel deutlich begrenzt sind. Afrikanische Regierungen müssen dringend nationale Diabetes-Vorbeugeprogramme einführen, um dieser sozioökonomischen und die öffentliche Gesundheit gefährdenden Zeitbombe begegnen zu können. Diabetes in Afrika zu bekämpfen, wird multidisziplinäre und koordinierte Anstrengungen erfordern, die Sektoren der Gesundheit, der Finanzen, der Bildung, des Sports und der Landwirtschaft umfassen. Dies folgert ein aktuelles Seminar der Spezialausgabe zur Tagung der Amerikanischen Diabetesgesellschaft.
Jean Claude Mbanya von der Universität Yaoundé in Kamerun und Kollegen stellen fest, dass, während die öffentliche Gesundheit in Schwarzafrika übertragbare Krankheiten wie HIV/AIDS historischerweise bevorzugt behandelt hat, nicht übertragbare Erkrankungen wie Diabetes sich zu einer Hauptursache von Morbidität und Sterblichkeit entwickelt haben.
Diabetes verursacht gewaltige und wachsende Kosten im Sinne von medizinischer Fürsorge und dem Verlust potentieller Arbeitskräfte. In den 34 ärmsten Ländern Afrikas werden die direkten und indirekten Gesamtkosten pro erkrankter Person auf mehr als das Doppelte des gesamten nationalen Pro-Kopf-Einkommens geschätzt. Eine jüngere Studie schätzte die direkten Kosten der Diabetesbehandlung pro Patient in den 12 wohlhabensten Länder Afrikas auf etwa 25 Prozent des geamten nationalen Pro-Kopf-Einkommens, und auf 125 Prozent in den 34 ärmsten Ländern.
Die Autoren diskutieren, inwieweit die Epidemie durch rasche Verstädterung, geringere Aktivität der Menschen und fetthaltigere Ernährung vorangetrieben wurde. Die Forscher stellen fest, dass in einem Land, in dem Fettleibigkeit noch immer als Zeichen des Wohlstands und des Wohlbefindens gesehen wird, jedes Bemühen zur Bekämpfung dieser lebensstil–begründeten Diabetes-Risikofaktoren zunächst traditionelle Ansichten angehen und sicher stellen muss, dass soziokulturell angemessene Diabetes-Programme eingeführt werden.
Viele Diabetes-Patienten in Schwarzafrika haben ein erhöhtes Risiko chronischer Komplikationen und extrem niedrige Lebenserwartungen auf Grund einer Vielzahl von späten Dignosen und fehlendem Zugangs zu erschwinglichen Diabetes-Medikamenten, insbesondere Insulin. Dieses Medikament ist laut WHO von wesentlicher Bedeutung in der Behandlung der Erkrankung. Die Autoren fordern Glukose- und Blutdruck-senkende Medikamente und Therapien, die auf gleiche Weise wie HIV/AIDS-Präparate finanziert werden sollen. Begleitet werden muss dies durch "Unterstützung der Verteilungsmechanismen, der Schulung zu chronischen Erkrankungen und der Fürsorgemodelle."
Diabetes wird in routinemäßigen Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge zugunsten der übertragbaren Krankheiten häufig vernachlässigt und nur unzureichend behandelt. Es gibt jedoch zunehmend Hinweise auf den Erfolg einfacher, von Krankenschwestern geleiteter Systeme der primären Diabetesfürsorge im ländlichen Afrika, und die Autoren vermuten, dass ein ausreichend finanziertes gemeinschafts-basiertes System die raren Mittel am kostengünstigsten nutzen würde. Allerdings sind Pädagogen, Spezialisten und unterstützende multidisziplinäre Teams dringend notwendig, um dem Bedarf der Diabetes-Patienten begegnen zu können, insbesondere in ländlichen Gemeinden.
Den Autoren zufolge kann der Gesundheitssektor allein die zur Diabeteskontrolle und –fürsorge notwendigen wesentlichen bevölkerungsweiten Änderungen des Lebensstils nicht hervorbringen: "Die Vermeidung von Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes macht koordinierte Änderungen in Politik und Gesetzgebung erforderlich, mit erheblicher Aufmerksamkeit gegenüber dem städtischen Umfeld, der Transport-Infrastruktur und dem Angebot für Schulung und körperliche Aktivität am Arbeitsplatz."
Die Autoren führen außerdem an, dass der Mangel an Daten zu Epidemiologie, chronischen Komplikationen, Ernährung und der Rolle des Insulins bedeute, dass der Forschung hinsichtlich Klärung der Ursachen, Vorbeugung und Kontrolle des Diabetes in Afrika eine Schlüsselfunktion zukomme.
In ihrer Schlußfolgerung fordern die Autoren: "Ein multidisziplinärer, politisch vorangetriebener und koordinierter Ansatz in den Bereichen Gesundheit, Finanzen, Bildung, Sport und Landwirtschaft kann zu einer Umkehr der zu Grunde liegenden Ursachen dieser Epidemie beitragen, und eine gemeinsame sektorübergreifende Anstrengung ist wesentlich, um Verbesserungen in der Bereitstellung einer Gesundheitsfürsorge bei Diabetes sicher zu stellen."
Quelle: JCN Mbanya and others. Diabetes in sub-Saharan Africa. Lancet 2010; 375: 9733
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