THE LANCET 25.06.10
 

Diabetes Typ 2-Epidemie blamabel für öffentliche Gesundheit
Der Leitartikel der aktuellen Lancet-Spezialausgabe zur Tagung der 'American Diabetes Association' (ADA) beschreibt die weltweite Diabetes-Typ-2-Epidemie als eine Blamage für die öffentliche Gesundheit. Er fordert eine Antwort, die die Grenzen der medikamentösen Behandlung erkennt und verlangt nach einer Reihe von Interventionen, die auch auf körperliche Aktivität setzen.

Obwohl die in der aktuellen Ausgabe vorgestellten Fortschritte bei den Präparaten willkommen sind, werden diese wieder nur in den Industrienationen verfügbar sein. Mehr als zwei Drittel der Diabetespatienten weltweit leben jedoch in den Entwicklungsländern und daher benötigen diese Nationen kostengünstige und leicht einzuführende Maßnahmen. Der Leitartikel betont hierzu, dass "die Medizin den Kampf um die Glukosekontrolle zwar gewinnen, den Kampf gegen den Diabetes allerdings verlieren könnte."

Der Leitartikel stellt fest: "Da der Typ-2-Diabetes, der zu 90 Prozent zu den Diabeteserkrankungen beiträgt, in reversiblen sozialen Faktoren und solchen der Lebensführung begründet liegt, erscheint ein ausschließlich medizinischer Ansatz nicht als die Lösung. Darüberhinaus entmachtet die Medikalisation Einzelpersonen und schließt Gemeinschaften, Schulen und Städteplaner aus, die das Potenzial hätten, die Häufigkeit des Diabetes zu verringern. Ärzte, die sich um Diabeteskranke kümmern, bietet sich eine enorme Gelegenheit, eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen aufzubauen, die vergleichbare Ergebniparameter anstreben."

Die US-amerikanische First Lady Michelle Obama startete die nationale 'Let's Move'-Kampagne, welche den Beifall des Leitartikels findet. Der Ansatz enthält drei Komponenten: Ernährung, Aktivität und Kinder. Wie auch Nahrungsmittel mit weniger Fett und Zucker muss Freizeitbeschäftigung in den Städten einfach zugänglich und erschwinglich sein, und sichere Bereiche für die Jüngsten bereithalten, deren Bedürfnis nach Bewegung größer ist als das der Erwachsenen. Der Leitartikel bemerkt: "Bei einer altersbedingten Erkrankung den Schwerpunkt auf die Jugend zu setzen, mag paradox erscheinen, aber das Alter, in dem der Diabetes ausbricht, wird immer niedriger, und es sind junge Menschen, bei denen sich die Ernährungs- und Aktivitätsgewohnheiten ausprägen. Es geschieht ebenfalls in den jungen Jahren, wenn die Saat des Diabetes ausgesät wird; denn ein Drittel aller Kinder über 2 Jahren in den USA ist übergewichtig und ein Sechstel der Heranwachsenden fettleibig. Bei jenen, die als Kinder schon fettleibig waren, sind der Diabetes Typ 2 in der Jugend und vorzeitige Sterblichkeit im späteren Leben häufiger."

Der Leitartikels folgert also: "Diabetes muss weder zwangsläufige Konsequenz der Verstädterung oder sozialer Ungleichheit sein, noch sollten künftige Generationen dazu verurteilt werden, diabetogene Lebensstile aufrecht zu erhalten. Die Tatsache, dass der Typ-2-Diabetes als eine weitgehend vermeidbare Erkrankung epidemische Ausmaße erreicht hat, ist eine Blamage für die öffentliche Gesundheit. Eine starke, integrierte und ideenreiche Antwort ist notwendig, die die Grenzen der medikamentösen Behandlung und die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft erkennt. Die ADA-Tagung bietet den weltweit Führenden der Diabetesforschung Gelegenheit, über vorgenannte Herausforderungen nachzudenken und eine Debatte über eine umfassendere und effektivere Strategie zur Kontrolle des Diabetes anzuregen."

Quelle: Editorial. Type 2 diabetes—time to change our approach. Lancet 2010; 375: 2193

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