18.06.10
Celecoxib verursacht bei Gelenkentzündungen weniger Schäden am Magen-Darm-Trakt
Arthritis-Patienten werden zur Linderung von Entzündungen und Schmerzen meist mit nichtspezifischen nichtsteroidalen entzündungshemmenden Medikamenten (NSAIDs) und einem zusätzlichen Protonenpumpenhemmer (PPI) behandelt. Die Patienten haben jedoch ein mehr als vierfach höheres Risiko, unerwünschte klinische Folgen am oberen und unteren Magen-Darm-Trakt zu erleiden als jene, die Cyclooxygenase-2 (COX-2)–selektive NSAIDs erhalten. Die Ergebnisse der CONDOR-Studie werden in einem vorab online veröffentlichten Artikel vorgestellt, und sollten zu einer Überprüfung der Ansätze zur Verringerung der Risiken der NSAID-Behandlungen ermutigen. Die Studie wurde von Professor Francis K. L. Chan vom Department of Medicine and Therapeutics am Prince of Wales Hospital in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hong Kong und Professor Jay Goldstein von der University of Illinois in Chicago sowie Kollegen verfasst.
Andere Studien haben gezeigt, dass selektive COX-2-Hemmer wie auch nichtselektive NSAIDs plus zusätzlichem PPI vergleichbare Nebenwirkungen im oberen Magen-Darm-Trakt haben. Allerdings ergeben sich mit selektiven Medikamenten wohl seltener schwerwiegende Effekte im gesamten gastrointestinalen Trakt (mit unterem Abschnitt) als mit nichtselektiven Präparaten. Dies liegt daran, dass die Unterdrückung der Säureproduktion die Schädigung des unteren Magen-Darm-Trakts dennoch nicht verhindern kann. In dieser Studie versuchten die Autoren, die Risiken gastrointestinaler Ereignisse unter Celecoxib (COX-2-selektiver Hemmer) gegenüber Diclofenac slow release (SR) plus Omeprazol (PPI) zu vergleichen.
Diese randomisierte Studie erfasste Patienten mit Osteoarthritis oder Gelenkrheumatismus und erhöhtem gastrointestinalem Risiko, d.h. im Alter von 60 oder mehr Jahren, oder im Alter von 18 oder mehr Jahren und bereits früher vorliegenden Magen-Darm-Geschwüren. Die Studie umfasste 196 Zentren in 32 Ländern oder Regionen. Die Patienten wurden auf Helicobacter pylori (Risikofaktor für Magengeschwüre) negativ getestet. Die Teilnehmer erhielten im 1:1-Verhältnis zweimal täglich 200 Milligramm Celecoxib oder 75 Milligramm Diclofenac SR plus einmal täglich 20 Milligramm Omeprazol. Patienten und Forschern war die jeweilige Behandlungszuordnung nicht bekannt. Primärer Endpunkt war eine Zusammensetzung aus klinisch signifikanten Ereignissen im oberen oder unteren Magen-Darm-Trakt, beurteilt durch eine unabhängige Kommission. Derartige Ereignisse umfassten mehrere potenzielle, für die klinische Praxis relevante Ergebnisparameter. Dazu zählten die Unterbrechung der Behandlung auf Grund signifikanten versteckten Blutverlusts bis hin zur Krankenhauseinweisung auf Grund lebensbedrohlicher Komplikationen.
Insgesamt wurden 4484 Patienten per Zufallsverfahren einer Behandlung zugeordnet (2238 Celecoxib; 2246 Diclofenac plus Omeprazol) und einer Intention-to-treat-Analyse unterzogen. 20 Patienten (0,9 Prozent) unter Celecoxib und 81 (3,8 Prozent) unter Diclofenac plus Omeprazol erfüllten die Kriterien des primären Endpunkts. Dies bedeutet, dass die zweite Gruppe gegenüber der ersten ein mehr als vierfach höheres Risiko hatte, unerwünschte klinische Ergebnisparameter des oberen oder unteren Magen-Darm-Trakts zu erleiden. 114 Patienten (6 Prozent) der Celecoxib-Gruppe und 167 (8 Prozent) der Diclofenac plus Omeprazol-Gruppe schieden auf Grund unerwünschter gastrointestinaler Ereignisse frühzeitig aus.
Die Autoren folgern: "Da Richtlinien empfehlen, dass die Auswahl der NSAID-Therapie unter Berücksichtigung von durch die Behandlung hervorgerufenen kardiovaskulären und gastrointestinalen Ereignissen erfolgen soll, liefert CONDOR nun neue, für jene Patienten relevante Daten, die eine entzündungshemmende Therapie benötigen, und die ein höheres Risiko für den Magen-Darm-Trakt, jedoch nicht für das Herz-Kreislauf-System zeigen. In dieser Patientengruppe waren die Ergebnisparameter für den Magen-Darm-Trakt unter selektiven COX-2 NSAIDs deutlich verschieden von den Ergebnissen unter nichtselektiven NSAIDs plus einem PPI. Zum tieferen Verständnis der kardiovaskulären Ergebnisparameter dieser beiden Strategien benötigen wir Resultate aus kontinuierlichen Studien, die entworfen wurden, diese wichtige klinische Fragestellung direkt anzusprechen. Die Ergebnisse der CONDOR-Studie sollten Richtlinien-Gremien ermutigen, ihre Behandlungsempfehlungen für Patienten mit Gelenkentzündungen zu überprüfen."
In einem Begleitkommentar stellen Dr. Elham Rahme und Dr. Sasha Bernatsky von der McGill University in Montreal fest: "Chan und Kollegen deuten an, dass das Risiko für Blutungen des unteren Magen-Darm-Trakts als ebenso wichtig angesehen werden muss wie das Risiko oberer gastrointestinaler Blutungen. Allerdings wurde das verringerte Risiko unerwünschter gastrointestinaler Ereignisse hauptsächlich durch gesenkte Hämoglobinwerte erreicht, und nicht durch die beschriebenen geringeren gastrointestinalen Blutungen. Daher, und obwohl die Forscher abschließend eine Überarbeitung der geltenden Richtlinien (diese empfehlen gegenwärtig eine Auswahl der entzündungshemmenden Therapie auf Basis der kardiovaskulären und oberen gastrointestinalen Risiken des Patienten) vorschlagen, erscheint dieser Rat etwas verfrüht."
Quelle: FKL Chan and others. Celecoxib versus omeprazole and diclofenac in patients with osteoarthritis and rheumatoid arthritis (CONDOR): a randomised trial. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(10)60673-3
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