THE LANCET 04.06.10
 

10 Gründe, warum Frauern und Kinder unbeachtet bleiben
In einem Kommentar in der aktuellen 'Women Deliver'-Spezialausgabe diskutiert Herausgeber Dr. Richard Horton 10 Ursachen, die seiner Ansicht nach Frauen und Kinder zur Bedeutungslosigkeit verdammen, obwohl bereits zwei Jahrzehnte seit der 'Safe Motherhood Initiative' verstrichen und genau 20 Jahre seit der UN-Kinderrechtskonvention CRC abgelaufen sind.

1. Soziale Mission. Im 18. und 19. Jahrhundert war Gesundheit in einen breiten politischen Kontext eingebunden. Da jedoch das UN-System seine politische Stimme zusehends verstummen ließ, wurde auch die soziale Aufgabenstellung rund um die Gesundheit von Frauen und Kindern, insbesondere die Gleichstellung der Geschlechter Schritt für Schritt ausgelöscht.

2. Unsere Einstellungen. Noch immer sind sich breite Teile der Öffentlichkeit der Notlagen nicht bewusst, denen sich Mütter und Kinder gegenüber sehen, und einige denken, dass der Tod einer Mutter oder eines Kindes in einigen Ländern schlichtweg nicht in gleicher Weise gewichtet wird. Unsere Einstellungen können auch unbeabsichtigt diskriminierend sein. Sie stärken diese Umstände der Benachteiligung.

3. Bewertung. Wenn wir nicht in systematische strenge Bewertungen der Auswirkungen von Eingriffen zur Entwicklung und Einführung einer Gesundheitspolitik investieren, werden wir keine Grundlage haben, schöne Reden in die Praxis umzusetzen.

4. Umsetzung. Obwohl wir die Politik mit Hilfe der Wissenschaft leiten können, scheitern wir häufig daran, sie anzuwenden, und erschweren eine Benachteiligung mit der anderen.

5. Vorbeugung. Das Versagen, sich den Ursachen der schlechten Gesundheit von Müttern und Kindern zu widmen, verschlimmert nur die Benachteiligung. Wir haben einfach keinen gemeinsam abgestimmten Plan, die Bestimmungsgrößen mütterlichen oder kindlichen Überlebens zum Kern nationaler Anliegen oder globaler Gesundheit zu machen.

6. Integration. Unser Versagen, Wissenschaft, Praxis und Führung zu integrieren, verletzt jeden, nicht zuletzt Mütter und Kinder.

7. Stärkung. Zu oft ignoriert die Gesundheitsgemeinschaft die potenzielle Stärke der Frauen, sich für Gesundheit einzusetzen. Befürworter der Gesundheit von Frauen und Kindern haben immer noch nicht die Lektion der AIDS-Bewegung gelernt, nämlich dass Selbstorganisation nicht nur zu politischem Erfolg führen kann, sondern auch zu greifbaren Verbesserungen in gesundheitlichen Ergebnissen.

8. Organisation. Wenn die Stärkung auf nationale oder globale Ebene angehoben wird, kann die Umsetzung umso größer ausfallen.

9. Interessensvertretung. Wer ist am besten geeignet, im Namen von Frauen und Kindern Interessen zu vertreten? Ein Hinzuwählen von Prominenten, die eingeladen werden, Fragestellungen zu vertreten, deren sie gänzlich unkundig sind, wird nur Verwirrung stiften und Misstrauen mehren und somit zur bestehenden Benachteiligung beitragen.

10. Führung. Ist es gerecht, festzustellen, dass Organisationen zur Mütter- und Kindergesundheit viele Leiter haben, jedoch keine Führungskraft. Diese Behauptung mag hart klingen. Allerdings besteht zwischen den Gruppierungen, die für Mütter-, Neugeborenen-, Kinder- und reproduktive Gesundheit einstehen, eine definitiv unzureichende Koordination. Dieses Fehlen einer strategischen Allianz birgt daher das Risiko des Versagens, aus einem wichtigen Fenster politischer und finanzieller Möglichkeiten Vorteile zu ziehen.

Dr. Horton stellt fest, dass die globale Gesundheitsgemeinschaft den Stimmen aus jenen Ländern aufmerksamer zuhören muss, die die meisten Todesfälle unter Müttern und Kindern zu verzeichnen haben. Er bemerkt: "Allzuoft ignorieren wir diese Stimmen. Würden wir zuhören, könnten wir die Bitten um Hilfen zur Stärkung der primären Gesundheitssysteme insbesondere in ländlichen Gebieten hören. Wir würden die Forderung nach größerer Aufmerksamkeit für Neugeborene hören. Wir würden von der Wichtigkeit einer schulischen Ausbildung und sozialem Schutz hören. Wir würden von der Notwendigkeit einer höherwertigeren Medizin und Versorgung hören. Wir würden mehr über den politischen Status der Frauen erfahren. Wir würden mehr von der Notwendigkeit sichererer Dienste bei Schwangerschaftsabbrüchen erfahren."

Kommentator Dr. Horton fügt hinzu, dass, um einen Fortschritt zu erreichen, Spender sich auf erweiterte Forschung, Maßnahmen und analytische Kapazitäten der Länder konzentrieren müssten. Globale Berichte werden The Lancet häufig eingereicht, qualitativ hochwertige Forschungen der Länder sind weitaus schwieriger zu bekommen.

Abschließend fordert Dr. Horton die Gemeinschaft zur Mütter- und Kindergesundheit auf, ihre Führung professioneller zu gestalten und folgert: "Trotz der Vielzahl der verfügbaren Daten haben Führungskräfte bislang versagt, Entscheidungsträgern klare Bitten zu stellen, mit kostenmäßig erfassten Rückzahlungen der Investitonen, möglichen Szenarien und Bewertungsprogrammen und Plattformen, die die Leistungsfähigkeit der Investitionen überwachen. Ohne diese Einzelheiten laden diese Führungsgruppen Spender dazu ein, nur auf Hoffnungen und Versprechen zu setzen. 2010 reicht diese Art gut gemeinter Nachfrage schlichtweg nicht mehr aus."

Quelle: R Horton. The continuing invisibility of women and children. Lancet 2010; 375: 1941

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