THE LANCET 04.06.10
 

Vernachlässigung des Millenniumentwicklungsziels 3
Der Leitartikel der aktuellen 'Women Deliver'–Spezialausgabe konzentriert sich auf das bislang vernachlässigte Millenniumentwicklungsziel 3 (MDG 3) zur Gleichstellung der Geschlechter.

Zielsetzung des MDG 3 ist es, das Missverhältnis der Geschlechter in der primären und sekundären Bildung vorzugsweise bis 2005, und in allen Bildungsbereichen nicht später als bis 2015 zu beseitigen. Die Kennzeichen des MDG 3 sind: Verhältnis von Jungen zu Mädchen in primären, sekundären und tertiären Bildungseinrichtungen; Anteil der Frauen in bezahlten Beschäftigungsverhältnissen auch außerhalb des Agrarsektors; und Anteil der von Frauen besetzten Sitze in nationalen Parlamenten.

Bislang allerdings, so stellt der Leitartikel heraus, wurde schon die Zielsetzung für 2005 nicht erreicht, und auch seither blieb der Fortgang nur langsam und ineffektiv. Von den 113 Staaten, die die Gleichstellung der Geschlechter in primärer und sekundärer Schulbildung bis zum Stichtag im Jahr 2005 versäumt haben, können wahrscheinlich nur 18 das Ziel bis 2015 erreichen. Die größten Lücken finden sich im südlich der Sahara gelegenen Afrika, Ozeanien und Westasien. Der Leitartikel stellt fest: "Nahezu zwei Drittel der Frauen in den Entwicklungsländern sind in gefährdeten Arbeitsplätzen beschäftigt, sei es als Selbstständige oder unbezahlte mithelfende Familienangehörige. Hinsichtlich der politischen Repräsentation hat sich der Anteil der von Frauen besetzten Sitze in den Parlamenten seit 2000 von 13,5 Prozent auf 17,9 Prozent gesteigert. Es gibt bemerkenswerte Ausnahmen wie Ruanda, dort besetzen Frauen beachtliche 56 Prozent der parlamentarischen Sitze."

Der Leitartikel betont, dass die medizinische und technologische Herangehensweise an die Millenniumentwicklungsziele 4, 5 und 6 bedeutete, dass die politische Diskussion um diese Ziele die Gleichstellung der Geschlechter ausgeschlossen hatte. Er stellt fest: "Dieser Ansatz drängt die Analyse der Geschlechtergleichstellung als Hauptursache und zur Gesundheit von Müttern und Kindern beitragende Variable an den Rand, was sich auch in einer fehlenden geschlechtspezifischen Fokussierung in politischen Maßnahmen und Programmen der öffentlichen Gesundheit widerspiegelt. Technologische Festlegungen wie der Zugang zu Diensten, Medikamenten und Impfstoffen werden nur durch sich selbst keine langfristigen Änderungen für zukünftige Generationen erreichen. Sie werden nicht durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurchsickern. Gewaltige Ungleichheiten hinsichtlich der Gesundheit von Müttern und Kindern innerhalb und auch zwischen den Ländern werden aufrechterhalten bleiben."

Die Schlussfolgerung des Leitartikels lautet daher: "Es müssen Regierungen eingesetzt und politische Maßnahmen ergriffen werden, die die Gleichstellung der Geschlechter berücksichtigen, um Frauen und Mädchen zu schützen und zu fördern, beispielsweise, indem jungen Müttern erlaubt wird, wieder zur Schule zu gehen. MDG 3 ist nicht nur eine Zielsetzung an sich, sondern treibende Kraft für alle MDGs und außerdem engstens und ursächlich mit den MDGs 4, 5 und 6 verknüpft. Es ist an der Zeit, in das Verstehen dieser Verbindungen zu investieren und starke Allianzen zwischen den Befürwortern von Gesundheit und Geschlechtergleichstellung zu knüpfen. Die 'Women Deliver'-Sammlung liefert eine solche Plattform und eine ungemein günstige Gelegenheit, Fragestellungen der Gesundheit von Müttern und Kindern aus ihren gegenwärtigen engen gesundheitlichen Zusammenhängen heraus zu heben."

Quelle: Editorial. Gender equity is the key to maternal and child health. Lancet 2010; 375: 1939

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