THE LANCET 07.05.10
 

Ergänzendes Vitamin A kann Müttersterblichkeit nicht verringern helfen
Eine in Ghana durchgeführte Studie zeigt, dass ergänzend verabreichtes Vitamin A die Müttersterblichkeit nicht verringern kann. Dies widerspricht den Ergebnissen einer Studie in Nepal, die von einer 44-prozentigen Reduzierung berichtete. Autoren dieser neuen bereits vorab online veröffentlichten Studie (ObaapaVitA) sind Professor Betty R. Kirkwood und Kollegen vom Department of Nutrition and Public Health Intervention Research an der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

ObaapaVitA war eine Cluster-randomisierte doppelblinde Placebo-kontrollierte Studie, die in sieben Distrikten in der Region Brong Ahafo in Ghana durchgeführt wurde. Das Untersuchungsgebiet wurde in 1086 kleine geografische Komponenten-Cluster eingeteilt, die wiederum 4 Cluster mit Untersuchungen vor Ort umfassten. Erfasst wurden alle Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 45 Jahre), die eine Einverständniserklärung abgaben und planten, für wenigstens 3 Monate im Gebiet zu verbleiben. Die Teilnehmerinnen erhielten per Zufallsverfahren einmal wöchentlich oral Vitamin A als Ergänzung oder eine Placebokapsel. Zwei der Cluster in jedem Feldforschungsgebiet erhielten Vitamin A als Ergänzung, die beiden weiteren Placebo. Die Kapseln wurden während der alle 4 Wochen stattfindenden Hausbesuche verteilt, anschließend Daten zu Schwangerschaften, Geburten und Todesfällen erhoben. Primäre Ergebnisparameter waren schwangerschaftsbezogene Sterblichkeit und Sterblichkeit der Frauen aus allen Gründen. Die Todesursache wurde nach mündlich überlieferter Leichenschau festgelegt.

Insgesamt erhielten 104 484 Frauen in 544 Clustern per Zufallsverfahren Vitamin A als Ergänzung und 103 297 Frauen in 542 Clustern Placebo. Hauptursache des Austritts von Teilnehmerinnen aus der Studie war das Verlassen des Untersuchungsgebiets. In der endgültigen Analyse konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den behandelten und den Kontrollgruppen festgestellt werden. In der Vitamin A-Gruppe wurden 39 601 Schwangerschaften und 138 schwangerschaftsbezogene Todesfälle registriert (348 Tote pro 100 000 Schwangerschaften), in der Placebo-Gruppe 39 234 Schwangerschaften und 148 schwangerschaftsbezogene Todesfälle (377 pro 100 000 Schwangerschaften). In der Vitamin A-Gruppe starben 1326 Frauen in 292 560 Frauenjahren (453 Tote pro 100 000 Jahre), in der Placebo-Gruppe 1298 in 289 310 Frauenjahren (449 Tote pro 100 000 Jahre).

Die Autoren bemerken: "Unsere Ergebnisse deuten an, dass im ländlichen Ghana einmal wöchentlich an Frauen im gebärfähigen Alter ergänzend verabreichtes Vitamin A keinen Nutzen hinsichtlich ihres eigenen oder des Überlebens ihrer Babys hat. Das Fehlen eines Effekts auf die Rate an Totgeburten, Überleben von Neugeborenen und Kindern stimmt mit den Ergebnissen der Studien in Nepal und Bangladesh überein. Allerdings steht das Fehlen eines Effekts der Vitamin-A-Ergänzung auf schwangerschaftsbezogene Sterblichkeit im Gegensatz zu der in der Nepal-Studie berichteten erheblichen Verringerung, der einzigen weiteren Studie, in der alle Frauen im gebärfähigen Alter Ergänzungen erhielten."

Die Forscher folgern: "Die Durchführung weiterer Studien, die den Effekt einer Vitamin-A-Ergänzung auf die Müttersterblichkeit untersuchen, ist auf Grund ihres Umfangs und ihrer Kosten eher unwahrscheinlich. Die Beweislage, obwohl nur eingeschränkt, unterstützt nicht die Einbindung einer gering dosierten Vitamin-A-Ergänzung in Strategien zur sicheren Mutterschaft oder des kindlichen Überlebens."

In einem begleitenden Kommentar diskutieren Professor Anthony Costello und Dr. David Osrin vom UCL Institute for Global Health am University College London die möglichen Hintergründe der Unterschiede in den Ghana- und Nepal-Studien, darunter eventuelle verschiedene Muster eines Vitamin-A-Mangels zwischen den Bevölkerungen.

Die Kommentatoren folgern: "Die Bewertung neuer Maßnahmen zur Verringerung der Müttersterblichkeit ist mit Blick auf den ausbleibenden Erfolg in Richtung des Millenniumentwicklungsziels 5 von hoher Priorität. Dem Team der ObaapaVitA-Studie sollte gedankt werden, seine Ergebnisse verbindlich als primäre Ergebnisparameter anzusehen. Wir benötigen mehr solcher Studien quer über ein Bündel von Maßnahmen, sie müssen jedoch in großem Maßstab angelegt sein. Müttersterblichkeit ist selbst in Gemeinden mit hoher Sterblichkeit ein weit gehend seltenes Ereignis, und Forschungsgruppen müssen daher wohl 100 000 oder mehr Schwangerschaften erfassen."

"Wenn wir Politikern neue Optionen bieten wollen, wie müssen wir Studien gestalten, die innerhalb eines sinnvollen Zeitrahmens abgeschlossen werden können? Es benötigte 10 Jahre, um zu bestätigen, dass eine Vitamin-A-Ergänzung das Überleben im Kindesalter verbessert, und es vergingen mehr als 15 Jahre, die Frage des Effekts auf die Müttersterblichkeit zu beantworten. Um innerhalb von 3 Jahren Ergebnisse zu erzielen, sind Mehrzentrenstudien erforderlich, einfache Beobachtungsverfahren, um die Müttersterblichkeit in den Gemeinschaften zu erfassen, und Spender, die bereit sind, Millionen Pfund für Studien auszugeben, die große und arme Bevölkerungen umfassen. Es gab nur wenige Studien zu Maßnahmen, die die Müttersterblichkeit verringern sollten, und wir benötigen neue Hinweise auf eine Wirksamkeit im entsprechenden Maßstab, wenn wir den inakzeptablen Tribut der Müttersterblichkeit verringern wollen."

Quelle: A Costello, D Osrin. Vitamin A supplementation and maternal mortality. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(10)60443-6

www.thelancet.com         [Drucken]   [Fenster schließen]