THE LANCET 16.04.10
 

Mephedron in Großbritannien –die Integrität des wissenschaftlichen Rats scheitert
Der aktuelle Leitartikel konzentriert sich auf den Druck, der gegenwärtig auf den britischen Beirat zum Missbrauch von Drogen (Advisory Council on the Misuse of Drugs, ACMD) ausgeübt wird. Gefordert wird ein Verbot der entspannend wirkenden Substanz Mephedron, obwohl zwischen den berichteten Todesfällen und der Substanz offensichtlich kein direkter Zusammenhang besteht.

Der Leitartikel diskutiert die zahlreichen Amtsniederlegungen innerhalb des ACMD, zum einen als Reaktion auf die Entlassung des früheren Vorsitzenden David Nutt nach seinen Äußerungen über die Droge Ecstasy, zum anderen als Antwort auf die übereilte Entscheidung, nach politischem und Medien-gestütztem Druck Mephedron als Droge der Klasse B einzustufen. Der Leitartikel stellt fest: "Darüber hinaus dokumentiert der ACMD-Bericht 'Consideration of the cathinones', der das Verbot empfohlen hatte, die bislang äußerst dürftigen Hinweise zu Mephedron, darunter auch das Fehlen eines direkten Zusammenhangs zwischen den berichteten Todesfällen und der Substanz. Besorgnis erregend ist, dass der nur als Entwurf vorliegende Bericht innerhalb des ACMD noch immer diskutiert wurde, als der Vorsitzende Professor Les Iverson die Sitzung verließ, um den Innenminister Alan Johnson rechtzeitig vor einer Pressekonferenz hinsichtlich der Empfehlungen zu unterrichten."

Ebenso beleuchtet wird die recht stille, mit dem Mephedron–Bericht übrigens zeitgleiche Veröffentlichung des anderen ACMD-Berichts, 'Pathways to Problems'. Dieser berichtet detailliert von Fortschritten bezüglich den im Jahr 2006 veröffentlichten Empfehlungen zu riskantem Drogenkonsum. Der Bericht enthält einige potenziell unpopuläre Folgerungen, was die Herangehensweise an die Probleme junger Menschen anbelangt. Dazu zählen die Versäumnisse im Kampf gegen Alkohol und Tabak wie auch die Forderung nach einer Überarbeitung des 'Misuse of Drugs Act', der im Jahr 1971 gesetzlich festgelegten Klassifizierung von Betäubungsmitteln in drei Gruppen. Bislang hat dieser Bericht keine Aufmerksamkeit seitens des Innenministeriums oder der Medien hervorgerufen. Stattdessen wurde er im Verlauf der Diskussionen um den legalen Status des Mephedrons geflissentlich übersehen.

Die Feststellung des Leitartikels lautet: "Die Zeit war zu kurz, um die wissenschaftlichen Hinweise zu Mephedron sorgfältig zu prüfen. Dem ACMD lagen nicht genügend Hinweise vor, um die von dieser Substanzklasse ausgehenden Gefährdungen zu beurteilen. Es ist zu einfach und möglicherweise sogar kontraproduktiv, jede neu erscheinende Substanz zu verbieten, statt zu versuchen, die Motivation der jungen Menschen besser zu verstehen und wie wir diese beeinflussen können. Wir sollten uns bemühen, gesunde Lebensweisen zu fördern, statt lediglich Menschen zu bestrafen, die unsere gesellschaftlichen Normen verletzen. Diese Droge zu verbieten, wird auch die wichtige Erforschung dieser Substanz und anderen Drogen bezogenen Verhaltens verhindern, und für Menschen mit Problemen wird es bei weitem schwieriger werden, Hilfe zu bekommen."

Der Leitartikel folgert daher, dass die Ereignisse um den ACMD ein enttäuschendes Finale des Verhältnisses der Labour-Regierung gegenüber der Forschung signalisieren. Eigentlich hatte die britische Forschung bislang belegbar kräftige Unterstützung seitens der Regierung erfahren. Der Leitartikel bemerkt: "Der Politik wurde erlaubt, wissenschaftliche Prozesse und den die Politik untermauernden Rat zu verderben. Das Ergebnis der vom Innenministerium im Oktober 2009 in Auftrag gegebenen unabhängigen Untersuchung der Vorgehensweisen des ACMD wird dringend erwartet. Die Lektion aus diesem Debakel muss von der neuen Regierung unbedingt gelernt werden."

Quelle: Editorial. A collapse in integrity of scientific advice in the UK. Lancet 2010; 375: 1319

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