19.02.10
Statine können Diabetes-Risiko steigern, Vorteile überwiegen dennoch
Jüngste Forschungen in Form einer Metaanalyse von 13 Statin-Studien zeigen, dass die Gabe von Statinen das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, um 9 Prozent steigern. Das absolute Risiko ist allerdings gering, insbesondere, wenn der nützliche Effekt der Statine auf die Verringerung koronarer Zwischenfälle im Vergleich herangezogen wird. Dies sind die Folgerungen eines vorab 'Online First' veröffentlichten Artikels, verfasst von Professor Naveed Satar und Dr. David Preiss sowie Kollegen vom Glasgow Cardiovascular Research Centre an der University of Glasgow.
Studien zu Statintherapien zeigten bei statinbehandelten Patienten bislang widersprüchliche Ergebnisse hinsichtlich des Risikos, einen Diabetes zu entwickeln. Um diese Unsicherheit zu lösen, unternahmen die Autoren eine Metaanalyse von veröffentlichten und nichtveröffentlichten Daten, mit der sie feststellen wollten, ob zwischen der Statin-Gabe und der Entwicklung eines Diabetes jegliche Verbindung besteht.
Die Forscher erfassten 13 Studien aus dem Zeitraum 1994 bis 2009, wobei jede Studie mehr als 1000 Patienten untersucht hatte. Die Studien glichen sich auch bezüglich des Nachbeobachtungszeitraums in den mit oder ohne Statinen behandelten Gruppen, und dauerten jeweils länger als ein Jahr. Studien, die Patienten mit Organtransplantationen untersuchten oder solche, die eine Blutdialyse benötigten, wurden aus der Analyse ausgeschlossen. Die 13 festgelegten Statin-Studien umfassten insgesamt 91 140 Teilnehmer, wovon 4278 (2226 Statingruppe; 2052 Kontrollgruppe) im Verlauf von im Mittel 4 Jahren Diabetes entwickelten. Die Statintherapie war mit einem um 9 Prozent gesteigerten Risiko verknüpft, Diabetes zu entwickeln. Dieses Risiko fand sich in breiter Übereinstimmung über alle verschiedenen Studien hinweg. Weitere Analysen zeigten, dass das Risiko, unter Statinbehandlung an Diabetes zu erkranken, in den Studien mit älteren Teilnehmern höher lag. Allerdings scheinen weder Baseline-BMI (Body-Mass-Index) noch Änderungen der LDL-Cholesterinkonzentrationen das statinverknüpfte Diabetes-Risiko zu beeinflussen. Die Behandlung von 255 Patienten mit Statinen über 4 Jahre resultierte in nur einem zusätzlichen Fall einer Diabeteserkrankung.
Die Autoren betonen, dass die Ergebnisse nicht beweisen können, dass eine Statintherapie das Diabetesrisiko über einen direkten molekularen Mechanismus steigert. Die Möglichkeit sollte jedoch in Betracht gezogen werden. Alternativ hierzu könnte das erhöhte Risiko indirekt mit der Statinbehandlung verknüpft sein. Die geringfügig besseren Überlebensraten unter Statinbehandlung können das erhöhte Risiko einer Diabetesentwicklung nicht erklären. Die Autoren halten es zwar für unwahrscheinlich, halten jedoch fest, dass das gesteigerte Diabetesrisiko unter den statinbehandelten Patienten ein Zufallsergebnis sein könnte.
Um die Ergebnisse nun in einen Zusammenhang zu bringen, muss deutlich werden, dass die Behandlung von 255 Patienten mit Statinen über 4 Jahre hinweg nur zu einer zusätzlichen Diabeteserkrankung führt. Doch genau die gleichen 255 Patienten können davon ausgehen, dass sie bei einer Verringerung der LDL-Cholesterinkonzentration um 1 Millimol pro Liter (würden die Statine hervorrufen) fünf schwerwiegende koronare Zwischenfälle weniger erleben (d.h. Tod durch koronare Herzkrankheit oder nichttödlicher Herzinfarkt).
Die Autoren stellen fest, dass es nützlich sein könnte, ältere mit Statinen behandelte Personen bezüglich der Entwicklung eines Diabetes zu überwachen, da sie womöglich ein höheres Risiko besitzen. Die Forscher fügen hinzu: "Wir empfehlen, dass die Entwicklung eines Diabetes als sekundärer Endpunkt in zukünftigen größeren Statin-Endpunktstudien festgelegt wird, und dass nach Möglichkeit die Berichte zu langfristigen Nachbeobachtungen bei laufenden Studien Diabetesereignisse beinhalten sollten."
Die Folgerung der Autoren lautet: "Mit Blick auf den überwältigenden Nutzen der Statine in der Verringerung kardiovaskulärer Ereignisse wird das kleine Absolutrisiko bei jenen Personen, für die eine Statintherapie empfohlen wird, kurz- und mittelfristig durch herzkreislaufbezogene Vorteile aufgewogen. Wir schlagen daher vor, dass die klinische Praxis der Statintherapie bei Patienten mit moderatem oder hohem kardiovaskulärem Risiko oder einer bestehenden Herzkreislauferkrankung nicht geändert werden muss. Das potenziell gesteigerte Diabetesrisiko sollte allerdings berücksichtigt werden, wenn eine Statintherapie für Patienten mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko oder Patientengruppen erwogen wird, bei denen ein herzkreislauf-bezogener Nutzen bislang nicht nachgewiesen werden konnte."
In einem Begleitkommentar diskutiert Dr. Christopher P. Cannon von der Cardiovascular Division der Brigham and Women’s Hospital and Harvard Medical School in Boston sowie dem TIMI Study Office in Boston, dass die Autoren dieser Studie abschätzten, dass über diese 4 Jahre hinweg 5,4 Todesfälle oder Herzattacken und auch nahezu die gleiche Anzahl an Schlaganfällen oder koronaren Revaskularisationen vermieden wurden. Dr. Cannon bemerkt daher: "Der Nutzen der Verabreichung von Statinen hinsichtlich der Verhinderung gefäßbezogener Zwischenfälle insgesamt steht dem Diabetesrisiko in einem Verhältnis von 9:1 zugunsten der kardiovaskulären Vorteile gegenüber. Die Vorteile scheinen das Risiko somit bei Weitem auszugleichen."
Dr. Cannon folgert: "Gleichwohl rechtfertigt dieses neu entdeckte Risiko eine Überwachung, und zusätzlich zur regelmäßigen Beobachtung der Leberfunktions-Tests und der Kreatinkinase erscheint es sinnvoll, bei älteren Statin-behandelten Patienten Zucker auf die Liste der überwachenden Tests zu setzen. Obwohl ein neues Risiko der Statine entdeckt wurde, so erscheint dieses doch geringfügig und deutlich durch den Nutzen dieser lebensrettenden Medikamentenklasse ausgeglichen."
Quelle: N Sattar and others. Statins and risk of incident diabetes: a collaborative meta-analysis of randomised statin trials. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(09)61965-6
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