THE LANCET 19.02.10
 

Herpes-Behandlung kann HIV-Krankheitsverlauf verzögern
Die meisten der an HIV-1 erkrankten Menschen sind zusätzlich mit dem Herpes simplex-Virus Typ 2 infiziert (HSV2). Neuere Forschungen zeigen, dass das zur Behandlung des HSV2 verwendete Aciclovir das Fortschreiten der HIV-1-Erkrankung bei diesen zweifach infizierten Patienten verzögern kann. Dr. Jairam Lingappa von der University of Washington in Seattle sowie Kollegen aus Afrika und anderen Kontinenten stellen die Ergebnisse in einem vorab 'Online First' veröffentlichten Artikel vor.

Die tägliche Unterdrückung des Herpesvirus verringert zwar die Konzentrationen des HIV-1 im Plasma, ob dies jedoch auch den HIV-1-Krankheitsverlauf verzögern könnte, war bislang nicht bekannt. In dieser Studie untersuchten die Autoren die Suppression des Herpes simplex-Virus Typ 2 mit Hilfe des Medikaments Aciclovir bei afrikanischen Teilnehmern, die gleichzeitig mit HIV-1 und HSV2 infiziert waren. Die Forscher wollten hiermit die supprimierende Wirkung von Aciclovir auf Messparameter des HIV-Krankheitsverlaufs bewerten.

Die Studie fand an 14 Orten in Süd- und Ostafrika statt, und erfasste 3381 heterosexuelle Personen, die gleichzeitig mit HIV-1 und HSV2 infiziert waren. Die Patienten wurden per Zufallsverfahren in einem 1:1-Verhältnis einer Verabreichung von zweimal täglich 400 Milligramm oralem Aciclovir oder Placebo zugeordnet. Die Nachbeobachtungsphase dauerte bis zu 24 Monate an. Die Teilnehmer galten als geeignet, wenn ihre CD4-Zellzahlen 250 oder mehr Zellen pro Mikroliter Blut betrugen und sie keine antiretrovirale Therapie erhielten. Patienten und Forscher wussten jeweils nicht, wer welcher Behandlung unterzogen wurde. Die Wirkung des Aciclovir auf den HIV-1-Krankheitsverlauf wurde über einen kombinierten primären Endpunkt einer erstmalig auftretenden CD4-Zellzahl von 200 oder weniger Zellen pro Mikroliter Blut, einer beginnenden antiretroviralen Therapie oder eines nichttraumatischen Todes definiert. Die Forscher untersuchten auch als Endpunkt eine CD4-Zellzählung, die unter 350 Zellen pro Mikroliter absinkt.

Die Forscher stellten fest, dass Aciclovir das Risiko des Fortschreitens der HIV-1-Erkrankung um 16 Prozent senken konnte, und dass gegenüber 324 Placebo-behandelten Teilnehmern nur 284 mit Aciclovir behandelte Patienten den primären Endpunkt erreichten. Unter den Patienten mit CD4-Zellzahlen von 350 oder mehr Zellen pro Mikroliter verringerte Aciclovir das Risiko, dass die Zählung unter 350 Zellen pro Mikroliter fällt, um 19 Prozent.

Wie bereits kürzlich berichtet, konnte die Aciclovir-Therapie bei den mit Genitalherpes und HIV infizierten Personen innerhalb dieser Studienpopulation die Übertragung des HIV auf ihre heterosexuellen Partner nicht verringern. Die Autoren dieser neuen Studie sind der Ansicht, dass die antiretrovirale Therapie wahrscheinlich einen größeren Effekt auf die Verzögerung des HIV-1-Krankheitsverlaufs haben könnte als den in der Aciclovir-Studie beobachteten. Die gegenwärtigen Ergebnisse deuten allerdings an, dass Aciclovir eine zusätzliche Option für jene Personen darstellen könnte, die noch keinen medizinischen Schwellenwert erreicht haben, der den Start einer antiretroviralen Therapie einleiten würde.

Die Autoren folgern: "Wir zeigen, dass zur Unterdrückung des Herpes simplex-Virus Typ 2 verabreichtes Aciclovir bei mit HIV-1 und HSV2 zweifach infizierten Personen, deren CD4-Zellzahlen über 250 Zellen pro Mikroliter Blut liegen und die noch keine antiretrovirale Therapie begonnen hatten, das Risiko eines fortschreitenden Krankheitsverlaufs geringfügig verringern konnte. Weitere Forschungen sind notwendig, um festzustellen, ob die Suppression dieses Herpesvirus-Typs in der HIV-Behandlung jener Menschen eine Rolle spielen kann, für die eine antiretrovirale Therapie nicht in Frage kommt."

Dr. Lingappa fügt hinzu: "Obwohl der von uns beobachtete, die HIV-Erkrankung verbessernde Effekt nur gering ausfällt, so könnte er doch ein weiteres Werkzeug sein, HIV-infizierten Menschen dabei zu helfen, länger gesund zu bleiben."

In einem Begleitkommentar bemerken Dr. Anne Buvé und Dr. Lutgarde Lynen vom Institute of Tropical Medicine im belgischen Antwerpen: "Bei HSV2-Infektionen ist nun mit Blick auf Durchführbarkeit und Kostenwirksamkeit die weitere Erforschung der supprimierenden Therapie erforderlich, die unter strategischen Gesichtspunkten den HIV-Krankheitsverlauf bei co-infizierten Patienten verzögern soll. In der Zwischenzeit sollten die Anstrengungen verstärkt werden, sicher zu stellen, dass HIV-infizierte Patienten, die häufige Rückfälle eines Genitalherpes oder schweren Genitalherpes erleiden, auch in den Ländern mit geringem bis mittlerem Einkommensstatus eine supprimierende Therapie mit Aciclovir erhalten, wie es in den Industrienationen empfohlen wird."

Quelle: J R Lingappa and others. Daily aciclovir for HIV-1 disease progression in people dually infected with HIV-1 and herpes simplex virus type 2: a randomised placebo-controlled trial. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(09)62038-9

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