THE LANCET 12.02.10
 

Hinweise auf gesundheitliche Auswirkungen heißer Wetterphasen
Die bereits in der jüngeren Vergangenheit geäußerte zunehmende Besorgnis über Klimawandel und Hitzewellen mit tödlichen Folgen deutet an, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der heißen Wetterlagen im 21. Jahrhundert sehr bald eine Herausforderung der öffentlichen Gesundheit darstellen werden. Ein vorab 'Online First' veröffentlichter Übersichtsartikel beleuchtet die Hinweise, die den Ratschlägen der öffentlichen Verwaltungen zugrunde liegen. Diese Ratschläge sollen den Menschen helfen, sich selbst gegen heiße Wetterphasen zu schützen. Außerdem stellt der von Dr. Shakoor Hajat von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und Kollegen verfasste Artikel fest, dass verstärkt beachtet werden muss, inwieweit die Wirkung bestimmter Medikamente durch Hitze beeinträchtigt wird.

Der häufigste von Behörden herausgegebene Rat beinhaltet: auf Alkoholkonsum zu verzichten; leichte und lockere Kleidung zu tragen; regelmäßig zu trinken, ohne erst auf das Durstempfinden zu warten; bei fehlender Klimaanlage im Haus eine kühle oder klimatisierte Umgebung aufzusuchen; in klimatisierten Räumlichkeiten zu bleiben; einen Hut zu tragen; körperliche Aktivitäten zu verringern oder zu vermeiden; sich vor der Sonne zu schützen; Symptome hitzebedingter Erkrankungen und die entsprechenden Maßnahmen zu kennen; für empfindliche Personen Sorge zu tragen; Kinder nicht in einem abgeschlossenen geparkten Fahrzeug zurückzulassen; Aufenthalte im Freien während der heißesten Phase des Tages zu vermeiden sowie häufig zu baden oder duschen.

Die Autoren stellen fest, dass die Hinweise für den Einsatz eines Ventilators zur Kühlung während heißer Wetterlagen zwiespältig erscheinen. Sie bemerken daher: "Hinsichtlich der Verwendung elektrischer Ventilatoren an heißen Tagen besteht doch einige Verwirrung. Die Ergebnisse der meisten physiologischen Studien befürworten zwar den Einsatz kühlender Luftströme, wenden sich jedoch nicht spezifisch an die Fragestellung häuslicher Ventilatoren. Der Gebrauch eines Ventilators ist sicherlich nur bedingt zu empfehlen, wenn andere wirkungsvollere Methoden wie eine kühlende Dusche verfügbar sind."

Die Forscher stellen auch den Erfolg anderer häufig gebrachter Ratschläge wie die Vermeidung des Alkoholkonsums in Frage. Ihre Stellungnahme hierzu lautet: "Dieser Rat ist möglicherweise überbewertet und sollte zwischen mäßigem Konsum niedrigprozentiger Getränke (wenn die Hinweise nicht gerade eine harntreibende Wirkung stark hervorheben) und hochprozentiger Alkoholika unterscheiden, die tatsächlich gemieden werden sollten."

Mit Blick auf die Verabreichung von Medikamenten während extremer Hitze stellen die Autoren fest: "Die Einsatz von Medikamenten wird in den Plänen häufig als potenzieller Risikofaktor für hitzebezogene Erkrankungen dargestellt. Praktische Hinweise auf angemessene Maßnahmen oder die Anpassung der Behandlungsvorschriften werden den Lesern jedoch nur selten gegeben, außer, dass sie ihren Arzt aufsuchen sollten. Unklar ist auch, in welchem Rahmen Ärzte darüber informiert sind, wie die Dosierungen von Medikamenten während heißer Phasen auf die Patienten angepasst werden sollten."

Ein Beispiel für Medikamente, die in heftiger Hitze Probleme verursachen könnten, sind Diuretika (dienen neben anderen Erkrankungen der Behandlung von Herzversagen und Bluthochdruck), da der Wasserverlust des Körpers zu verringertem Blutvolumen, niedrigem Blutdruck sowie zu erhöhter Herzfrequenz und zu Stürzen führen kann. Psychopharmaka sollten ebenfalls äußerst sorgfältig verabreicht werden, da sie auf die Schweißproduktion einwirken.

Die Autoren führen an, dass erforscht werden sollte, wie ältere Menschen ihre körperliche Widerstandskraft durch Akklimatisation stärken könnten. Sie stellen fest: "Ein potenziell wichtiger Punkt, dem bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ist die Idee einer schrittweisen Anpassung älterer Personen an die Hitze, um somit ihre Widerstandskraft aufzubauen. Obwohl der Rat, sich in einer klimatisierten Umgebung aufzuhalten, durch Hinweise deutlich befürwortet wird, könnte das Vermeiden von Außentemperaturen und anstrengenden Aktivitäten Ältere von der Gelegenheit abhalten, ihre Schweißdrüsen zu ertüchtigen. Bislang ist nur wenig über den Umfang bekannt, den 70- bis 80-jährige Menschen und solche mit chronischen Erkrankungen mittels einer solchen Anpassung erreichen können. Ratschläge bezüglich körperlicher Aktivität sollten jene experimentellen Hinweise heranziehen, die aus dem Sport, vom Militär und auch aus beruflichen Einrichtungen verfügbar sind, in denen Methoden erkannt wurden, Aktivitäten während heißer Wetterphasen sicher zu gestalten, indem der Körper beispielsweise bereits vor der Belastung gekühlt wird."

Die Folgerung der Autoren lautet daher: "Angesichts der zu erwartenden Temperaturanstiege in den kommenden Jahrzehnten wird der Einsatz eines auf Hinweise gestützten Gesundheitsschutzes unter der Allgemeinbevölkerung und bei Ärzten der öffentlichen Gesundheit während heißer Wetterphasen eine entscheidende Rolle spielen, zukünftige Belastungen durch Hitze festzulegen."

Quelle: S Hajat and others. Health effects of hot weather: from awareness of risk factors to effective health protection. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(09)61711-6

www.thelancet.com         [Drucken]   [Fenster schließen]