| Deutsche Website |
|
Übersicht
Besetzte palästinensische Gebiete: politische Gewalt mit häuslicher Gewalt verknüpft Verheiratete Frauen, deren Ehemänner in den besetzten palästinensischen Gebieten direkte politische Gewaltanwendung erleiden mussten, haben ein mehr als zweifach höheres Risiko, Gewalt durch den Partner zu erleben, als Frauen, deren Männer verschont blieben. Dies ist eine der Schlussfolgerungen eines aktuellen Artikels der Konflikt-Spezialausgabe, verfasst von Dr. Cari Jo Clark vom Program in Health Disparities Research an der University of Minnesota und Dr. Muhammad M. Haj-Yahia von der Hebrew University of Jerusalem sowie Kollegen. In dieser Studie analysierten die Autoren Querschnittsdaten, die das palästinensische Büro für statistische Erhebungen (PCBS) zwischen Dezember 2005 und Januar 2006 gesammelt hat. Insgesamt wurden 4156 Haushalte per Zufallsverfahren ausgewählt, darunter wiederum wurden 3815 Frauen im Alter von 15 bis 64 Jahren identifiziert, die jemals verheiratet waren. Die Analyse beschränkte sich auf aktuell verheiratete Frauen (n = 3510, 92 Prozent Teilnahmerate), die eine Kurzversion des überarbeiteten Fragebogens mit den 'Conflict Tactics Scales' (CTS) und dem 'Exposure to Political Violence' (EPVI) ausfüllten (ein Maß der individuellen und familiären Erfahrungen mit Besatzungstruppen oder Siedlern, die die persönliche Sicherheit bedrohen). Das Erleben politischer Gewalt wurde als direktes Ausgesetztsein des Ehemanns charakterisiert, seiner indirekten Betroffenheit durch die Erfahrungen seiner Familie sowie der wirtschaftlichen Auswirkungen der Gewalterfahrung auf den Haushalt. Die Verknüpfung zwischen politischer Gewalt und häuslicher Gewalt durch den Ehepartner wurde anschließend bewertet. Politische Gewalt war signifikant mit höheren Raten häuslicher Gewalt durch den Ehepartner gekennzeichnet. Frauen, deren Ehemänner politische Gewalt direkt erfahren hatten, waren etwa zweifach stärker gefährdet, körperliche oder sexuelle Gewalt zu erleben, als Frauen, deren Ehemänner bislang noch nicht direkt betroffen waren. Frauen, deren Ehemänner indirekt angegriffen wurden, hatten ein etwa eineinhalbfach höheres Risiko, körperliche Gewalt, und ein noch immer zweifach höheres Risiko, sexuelle Gewalt erleben zu müssen, verglichen mit den Frauen, deren Ehemänner nicht indirekt betroffen waren. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Besatzung verdoppelten die Wahrscheinlichkeit häuslicher Gewalt durch den Partner, allerdings nur im Gaza-Streifen. Dies könnte nach Meinung der Autoren daran liegen, dass sich die ökonomische Situation im Gaza-Streifen erheblich schlechter darstellt als jene in der West-Bank. Die Autoren diskutieren eine Reihe von Faktoren, die der Verknüpfung zwischen politischer Gewalt und häuslicher Gewalt durch den Ehepartner zugrunde liegen könnten. Sie stellen fest: "Besatzungspolitik und Erfahrungen mit den Besatzungstruppen haben fortwährende Demütigungen der Männer zur Folge und machen es ihnen unmöglich, ihre Familien zu schützen und zu versorgen, was potenziell zu Frustrationen und Gewalt gegen schwächere Menschen führt, nämlich Frauen und Kinder. Aus Sicht einer Ressourcen-Theorie könnte die Gewalt ausgeführt werden, um die sozial etablierte Machtposition der Männer in der Familie wieder geltend zu machen." Die Forscher fügen hinzu: "Die Besatzungspolitik, darunter die Sperranlagen, die in verschiedenen Teilen der West-Bank errichtet werden, beeinträchtigen die familiäre Verbundenheit, indem sie den Frauen den regelmäßigen Kontakt zu ihren Familien entziehen, die anderenfalls eingreifen würden, um häusliche Gewalt durch den Ehepartner zu vermeiden." Die Autoren folgern: "Die Verknüpfung, die wir zwischen häuslicher Gewalt durch den Ehepartner und der Erfahrung politischer Gewalt dargestellt haben, drängt die Aufmerksamkeit auf die weitreichenden Folgen politischer Gewalt gegen Frauen und Männer. Notwendig ist die Erforschung der potenziellen Wege, die von der politischen Gewalt zur häuslichen Gewalt führen, wobei eine Reihe von Erklärungen und deren Wechselwirkungen in Betracht gezogen werden müssen, da jede einzelne Erklärung nicht ausreicht, die Verknüpfung zu begründen. Unsere Ergebnisse weisen außerdem auf die Wichtigkeit der Beurteilung verschiedener Arten der Gewalterlebnisse hin, wenn der potenzielle Bedarf psychosozialer Interventionen berücksichtigt werden soll, da das Erleben vieler traumatischer Ereignisse mit vermehrten psychischen und körperlichen Gesundheitsproblemen verknüpft ist. Letztendlich stärken unsere Ergebnisse die Wichtigkeit der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats, insbesondere die Aufforderung an alle am Konflikt beteiligten Parteien, Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen und internationales Recht zu achten." In einem Begleitkommentar bemerken Professor Rita Giacaman vom Institute of Community and Public Health an der Birzeit University im besetzten palästinensischen Gebiet und Kollegen: "Die Ausprägung der israelischen militärischen Besatzung und Belagerung in den besetzten palästinensischen Gebieten ist ein zweiseitiges Schwert. Einerseits ist die Gewaltanwendung der israelischen militärischen Besatzung gegen die Bevölkerung im Ganzen mit dem Auftreten häuslicher Gewalt verknüpft, andererseits schwächt sie die Möglichkeiten der Palästinenserbehörde, soziale Probleme wie die Gewalt durch Ehepartner zu bekämpfen. Diese Zwänge zeigen, dass die wirksame Stärkung und Einführung von Gesetzen von der Lösung der politischen Krise und einer Etablierung einer demokratischen Regierung abhängen." Quelle: Giacaman, R. and others. Domestic and political violence: the Palestinian predicament. Lancet 2010; 375: 259 - 260 http://www.thelancet.com |
|||||||||||