THE LANCET 15.01.10
 

PLATO-Studie: Ticagrelor für Herzinfarktpatienten besser geeignet als Clopidogrel
Jüngste Forschungen zeigen, dass der stärkere Thrombozytenhemmer Ticagrelor im Vergleich zu dem gegenwärtigen Standardmedikament Clopidogrel die Sterberaten bei Herzinfarktpatienten verringern kann, ohne dabei die Anzahl von Blutungsereignissen zu steigern. Diese neue Analyse der PLATO-Studie (PLATelet inhibition and patient Outcomes) wird in einem aktuellen vorab 'Online First' veröffentlichten Artikel vorgestellt. Die Verfasser sind Dr. Christopher P. Cannon von der TIMI Study Group der Cardiovascular Division am Brigham and Women’s Hospital in Boston sowie Kollegen.

Dr. Cannon stellt fest: "Herzattacken werden durch Blutgerinnsel in den Herzarterien hervorgerufen. Wir erkennen heute, dass der Einsatz eines stärkeren gerinnungshemmenden Medikaments die Möglichkeit eines zweiten Infarkts, wie auch das Risiko herabsetzt, an einem zu sterben. Dies ist ein wesentlicher Fortschritt für Herzinfarktpatienten." Ein begleitender Kommentar beschreibt die Einführung des Medikaments Ticagrelor als bahnbrechenden Wendepunkt, der die Pflege von Patienten mit akuten Koronarsyndromen (ACS) neu definieren sollte.

Clopidogrel ist ein gerinnungshemmendes Medikament, das bei Patienten mit ACS (Herzinfarkt/instabile Angina) in Kombination mit Aspirin zum Einsatz kommt, um die Bildung von Blutgerinnseln zu vermeiden. Dies soll das Risiko eines weiteren Infarkts, Schlaganfalls und letztendlich des Todes verringern helfen. Ticagrelor ist ein Thrombozytenhemmer, der einen größeren und beständigeren gerinnungshemmenden Effekt als Clopidogrel aufweist. Die Wirkung setzt rascher ein und klingt auch schneller wieder ab. In dieser Studie verglichen die Autoren den Einsatz beider Medikamente bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom, bei denen ein invasiver Eingriff vorgesehen war (beispielsweise Angioplastie und Einsetzen eines Stents in die Koronararterie).

Zu Beginn der Studie waren bei 13 408 von 18 624 Patienten (72 Prozent), die auf Grund akuter Koronarsyndrome stationär aufgenommen wurden, invasive Strategien vorgesehen. Den Patienten wurden für die Dauer von 6 bis 12 Monaten per Zufallsverfahren im Eins-zu-Eins-Verhältnis die Medikamente Ticagrelor und Placebo (180 Milligramm Loading-Dosis, gefolgt von zweimal täglich 90 Milligramm), oder Clopidogrel und Placebo (300 bis 600 Milligramm Loading-Dosis oder Fortführung der Dauermedikation, gefolgt von 75 Milligramm täglich) verabreicht. Alle Patienten erhielten Aspirin. Primärer Endpunkt war jeglicher kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Patienten der Ticagrelor-Gruppe zeigten eine um 16 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, den primären Endpunkt zu erreichen als die Patienten der Clopidogrel-Gruppe. Der Endpunkt mit kardiovaskulärem Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall trat bei Patienten der Ticagrelor-Gruppe seltener ein, verglichen mit der Kontrollgruppe (Ereignisrate nach 360 Tagen: 9 Prozent vs. 10,7 Prozent). Das Todesfallrisiko wurde ebenfalls signifikant von 5,0 Prozent (Clopidogrel) auf 3,9 Prozent (Ticagrelor) abgesenkt, was einer Verringerung des Risikos, nach Ablauf eines Jahres zu sterben, um etwa 5 Prozent entspricht. Die Bildung von Blutgerinnseln innerhalb der Stents wurde ebenso signifikant reduziert. Andererseits gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den beiden Behandlungsgruppen hinsichtlich der Raten schwerer Blutungen insgesamt (12 Prozent, jede Gruppe) oder ernster Blutungen (3 Prozent, beide Gruppen).

Die Autoren stellen fest: "Mit Ticagrelor behandelte Patienten hatten signifikante und klinisch relevante Verringerungen hinsichtlich kardiovaskulärer Todesfälle und der Gesamtsterblichkeit, Herzinfarkten und Stentthrombosen, ohne Steigerung des Risikos für schwere Blutungen. Der Nutzen mit Blick auf klinische Ereignisse und Stentthrombosen erwies sich als nachhaltig, unabhängig davon, ob die Patienten Standard- oder höhere Dosen des Clopidogrels erhielten, wie es bei unter invasiver Strategie stehenden Patienten empfohlen wird. Somit zeigt Ticagrelor wesentliche Vorteile und verbessert die frühen invasiven und auch langfristigen Maßnahmen bei Patienten mit akuten Koronarsyndromen."

Die Forscher folgern: "Wir schätzen, dass der Einsatz von Ticagrelor statt Clopidogrel innerhalb eines Jahres bei 1000 Patienten mit akutem Koronarsyndrom, die zu Beginn der medikamentösen Behandlung eine invasive Strategie geplant haben, zu 11 Todesfällen, 13 Herzinfarkten und 6 Fällen einer Stentthrombose weniger führen könnte, ohne dabei die Raten schwerer Blutungen oder Transfusionen zu erhöhen."

In einem begleitenden Kommentar bemerkt Dr. Gregg W. Stone vom Columbia University Medical Center der Cardiovascular Research Foundation in New York: "Diese schlüssigen Ergebnisse unterstützen Ticagrelor als neuen Therapiestandard bei akuten Koronarsyndromen. Allerdings sollte ein personenbezogener Ansatz bei der Medikamentenauswahl verfolgt werden, der bei jedem Patienten das individualisierte Risiko einer Ischämie gegenüber Blutungen berücksichtigt. Clopidogrel könnte bei jenen ausgewählten Patienten immer noch angemessen sein, die ein relativ geringes Risiko eines Myokardinfarkts oder einer Stentthrombose und/oder ein hohes Risiko für schwere Blutungen aufweisen, und deren Ticagrelor-Nichteinhaltung auf Grund von Kosten oder anderer Überlegungen (beispielsweise die zweimal tägliche Verabreichung) von Belang ist. Trotz alledem ist die Einführung des Ticagrelors, eines leistungsfähigeren und wirksameren, aber ebenso sicheren Wirkstoffs wie sein Vorläufer, ein bahnbrechender Wendepunkt, der die Pflege von Patienten mit akuten Koronarsyndromen (ACS) neu definieren sollte."

Quelle: CP Cannon and others. Comparison of ticagrelor with clopidogrel in patients with a planned invasive strategy for acute coronary syndromes (PLATO): a randomised double-blind study. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(09)62191-7

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