08.01.10
Misoprostol-Tabletten können nachgeburtliche Blutungen stoppen
Das Hormon Oxytocin ist gegenwärtig der Goldstandard zur Behandlung nachgeburtlicher Blutungen, es muss jedoch gekühlt und zum optimalen Einsatz von geschulten Gesundheitsbediensteten intravenös verabreicht werden. Zwei aktuelle vorab 'Online First' veröffentlichte Artikel betrachten den Einsatz von Misoprostol in Tablettenform im Vergleich zum Oxytocin und helfen, die potenziellen Rollen der beiden Medikamente in der Behandlung starker nachgeburtlicher Blutungen in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen zu definieren.
Die beiden Artikel wurden von einem Autorenteam des Gynuity Health Projects in New York und deren internationalen Kollegen verfasst. Die Artikel beschreiben zwei große randomisierte kontrollierte Studien, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von 800 Mikrogramm oral verabreichtem Misoprostol gegenüber 40 IU intravenös gegebenem Oxytocin verglichen. Die Medikamente wurden zur Kontrolle nachgeburtlicher Blutungen eingesetzt. Primäre Endpunkte beider Studien waren der Stillstand der aktiven Blutungen innerhalb von 20 Minuten sowie ein zusätzlicher Blutverlust von 300 Milliliter oder mehr nach der Behandlung.
Im ersten Artikel (Winikoff et al.) untersuchen die Forscher, ob sublingual gegebenes Misoprostol in der Behandlung postpartaler Blutungen eine Nichtunterlegenheit gegenüber intravenösem Oxytocin aufweist. Die untersuchten Frauen hatten zuvor kein Oxytocin erhalten, um nachgeburtliche Blutungen zu vermeiden. Diese Situation spiegelt die Verhältnisse der meisten Geburtsorte der Entwicklungsländer wider, wo die Verwendung von Oxytocin nicht durchführbar ist. Im zweiten Artikel (Blum et al.) vergleichen die Forscher die gleichen beiden Behandlungsmethoden bei Frauen, die zwar vorbeugend Oxytocin erhalten hatten, aber dennoch Blutungen erlitten. Die Ergebnisse der beiden Studien liefern Hinweise auf die potenzielle Rolle des Misoprostols in der Behandlung von Blutungen in verschieden ausgeprägten Gesundheitsdiensten.
Die Studie des ersten Artikels umfasste 9348 Frauen, die zuvor kein Oxytocin erhalten hatten und deren nachgeburtliche Blutverluste nach Vaginalgeburt an vier Krankenhäusern in Ecuador, Ägypten und Vietnam (eine Einrichtung der zweiten und drei der dritten Versorgungsstufe) erfasst wurden. Bei 978 Frauen (10 Prozent) wurde eine primäre postpartale Hämorrhagie diagnostiziert, und diesen wurden daher per Zufallsverfahren entweder 800 Mikrogramm Misoprostol (n=488) oder 40 IU intravenöses Oxytocin (n=490) verordnet.
Die Forscher stellten fest, dass die aktiven Blutungen in beiden Frauengruppen innerhalb von 20 Minuten in vergleichbarem Umfang kontrolliert werden konnten (90 Prozent Misoprostol vs. 96 Prozent Oxytocin). Allerdings trat der zusätzliche Blutverlust von 300 Millilitern oder mehr in der Misoprostol-Gruppe signifikant häufiger auf (30 Prozent) als in der Oxytocin-Gruppe (17 Prozent). Schüttelfrost (47 Prozent vs. 17 Prozent) und Fieber (44 Prozent vs. 6 Prozent) waren ebenso signifikant häufiger in der Misoprostol-Gruppe anzutreffen als in der Oxytocin-Gruppe. Keiner der Frauen musste die Gebärmutter operativ entfernt werden, keine starb.
In der Studie des zweiten Artikels wurden 31 055 Frauen erfasst, die vorbeugend Oxytocin erhalten hatten, und deren Blutverluste nach Vaginalgeburt in fünf Krankenhäusern in Burkina Faso, Ägypten, Türkei und Vietnam (zwei Einrichtungen der zweiten und drei der dritten Versorgungsstufe) festgehalten wurden. Bei 809 Frauen wurden nachgeburtliche Blutungen diagnostiziert und diesen wurden per Zufallsverfahren entweder 800 Mikrogramm Misoprostol (n=407) oder 40 IU intravenöses Oxytocin (n=402) verordnet.
Die Forscher stellten fest, dass die aktiven Blutungen innerhalb von 20 Minuten nach Erstbehandlung in beiden Behandlungsschemata gleichermaßen gut kontrolliert werden konnten (89 Prozent in der Misoprostol-Gruppe, 90 Prozent in der Oxytocin-Gruppe). Zusätzliche Blutverluste von 300 Millilitern oder mehr nach der Behandlung waren in beiden Gruppen vergleichbar und betrafen 34 Prozent der Misoprostol-Gruppe und 31 Prozent der Oxytocin-Gruppe. Schüttelfrost (37 Prozent vs. 15 Prozent) und Fieber (22 Prozent vs. 15 Prozent) waren unter Misoprostol signifikant häufiger anzutreffen als unter Oxytocin. Bei sechs Frauen musste die Gebärmutter operativ entfernt werden, zwei Frauen starben.
Die Autoren bemerken: "Intravenöses Oxytocin sollte verwendet werden, wenn es verfügbar ist, 800 Mikrogramm sublingual verabreichtes Misoprostol könnte jedoch eine effektive alternative Erstlinientherapie darstellen, wenn Oxytocin nicht verfügbar ist. Da viele Frauen in den Entwicklungsländern zu Hause oder in Einrichtungen unterer Versorgungsstufen gebären, bietet Misoprostol Potenzial zur unmittelbaren Behandlung nachgeburtlicher Blutungen."
Zudem stellen die Forscher trotz fehlender Hinweise, die ein bestimmtes Vorgehen unterstützen, fest, dass "diese Ergebnisse Hinweise darauf liefern, dass 800 Mikrogramm von sublingual verabreichtem Misoprostol in der Behandlung von primären postpartalen Hämorrhagien nach Oxytocin-Prophylaxe während der dritten Geburtsphase eine brauchbare Alternative zu 40 IU intravenösem Oxytocin darstellen. Misoprostol konnte Blutungen ebenso schnell stoppen wie Oxytocin, bei vergleichbarer Menge an zusätzlichem Blutverlust [unter den prophylaktisch behandelten Frauen]."
Die Autoren meinen: "Auf die in dieser Studie gezeigte Wirksamkeit und Sicherheit aufbauend, ist zukünftige Forschung notwendig, um klinischen Nutzen und Kostenwirksamkeit einer Einführung des Misoprostols als Alternative zu den allgemeinen Behandlungsempfehlungen in jenen Einrichtungen zu bewerten, die keinen Zugang zu intravenösem Oxytocin haben."
Die Schlußfolgerung der Autoren lautet daher: "Die zukünftige Forschung sollte die Wirksamkeit der Behandlung der postpartalen Hämorrhagien mit Misoprostol untersuchen, wenn es in großem Umfang in die klinische Praxis in primären und sekundären Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge eingeführt wurde und, ebenso wichtig, nachdem eine Misoprostol-Prophylaxe gegeben wurde. Eine klinische Forschung, die untersucht, ob eine niedrigere Behandlungsdosis eine vergleichbare Wirksamkeit mit weniger unerwünschten Nebenwirkungen hervorruft, könnte außerdem sinnvoll sein."
Quelle: J Blum and others. Treatment of post-partum haemorrhage with sublingual misoprostol versus oxytocin in women receiving prophylactic oxytocin: a double-blind, randomised, non-inferiority trial. Lancet 2010; 375: 10.1016/S0140-6736(09)61923-1
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