18.12.09
Israel ändert Gesetz für Organtransplantation: Bevorzugung bei Organspendeausweis
Im Januar 2010 wird in Israel ein neues Gesetz zur Organtransplantation in Kraft treten. Demnach sollen Menschen, die selbst einen Organspendeausweis besitzen, mit höherer Priorität behandelt werden, wenn sie selbst eine Organtransplantation benötigen. Auch ihre Verwandte ersten Grades sollen entsprechend bevorzugt werden, ebenso wie Verwandte ersten Grades von bereits verstorbenen Organspendern sowie Lebendspender, die bereits ohne ausgewiesenen Empfänger eine Niere, Leber- oder Lungenlappen gespendet haben. Professor Jacob Lavee, Direktor des Herztransplantationszentrums des Sheba Medical Centre in Ramat Gan und des Israel Transplant Centre, und seine Kollegen diskutieren diese Neuerung in einem Standpunkt-Artikel, der online vorab erscheint.
Organtransplantation ist in Israel ein schwieriges Thema: Nur 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung tragen einen Organspendeausweis, im Vergleich zu mehr als 30 Prozent in vielen westlichen Ländern. Die Einwilligungssrate, errechnet aus dem Anteil von tatsächlichen Spendern an allen hirntoten, medizinisch geeigneten potenziellen Spendern, betrug im letzten Jahrzehnt durchgehend etwa 45 Prozent und damit erheblich weniger als die 70 bis 90 Prozent Einwilligungsrate in den meisten westlichen Ländern.
Auf Grund dieser düsteren nationalen Statistik richtete das Israel National Transplant Council (INTC) im Jahr 2006 ein Spezialkomitee ein, das aus Ethikern, Philosophen, Anwälten, Vertretern der wichtigsten Religionsgemeinschaften, Transplantationsmedizinern, Chirurgen und Koordinatoren bestand. Nach langen Diskussionen empfahl es dem INTC, dass jene Patienten auf der Warteliste für eine Transplantation bevorzugt behandelt werden sollten, die mindestens drei Jahre vor Aufnahme in die Liste bereits einen Organspendeausweis besaßen. Ähnliche Priorität soll Transplantationskandidaten eingeräumt werden, bei denen ein Verwandter ersten Grades nach dem Tod Organspender waren und solchen, die bereits als Lebendspender eine Niere, Leberlappen oder Lungenlappen Organe gespendet haben.
Da damit nicht-medizinische Kriterien in die Auswahl des Transplantationsempfängers einfließen, mussten neue gesetzliche Grundlagen geschaffen werden. Das israelische Gesetz erhöht nun die Zahl der bevorzugt zu Behandelnden bei der Organvergabe vom Besitzer des Organspendeausweises auf seine Verwandten ersten Grades (Eltern, Kinder, Geschwister, Ehegatten), basierend auf der Erfahrung, dass Angehörige mit Organspendeausweis immer ihre Einwilligung zur Organspende gaben, auch wenn der Spender selbst keinen Ausweis unterschrieben hatte. Es nimmt jedoch die Lebendspender, die Organe für Angehörige gespendet hatten, aus der bevorzugten Behandlung heraus. "Diese Beschränkung, die der ursprünglichen Empfehlung des INTC widerspricht, wird nun vom Gesundheitsministerium überarbeitet und dem Parlament zu einer erneuten Prüfung vorgelegt, da wir davon überzeugt sind, dass alle Lebenspender bei der Organvergabe bevorzugt behandelt werden müssen", schreiben die Autoren.
Verschiedene Szenarien ziehen dabei unterschiedliche Prioritätslevel nach sich. Ein Transplantationskandidat mit einem Verwandten ersten Grades, der einen Organspendeausweis besitzt, würde die halbe Vergabepriorität bekommen wie ein Patient, der selbst einen Organspendeausweis trägt. Andererseits würde ein Patient mit einem Verwandten ersten Grades, dem nach dem Tod Organe entnommen werden durften oder der eine nicht gerichtete Lebendspende leistete, eine Vermittlungspriorität, die eineinhalb mal so groß ist wie die von Patienten mit eigenem Organspendeausweis. Bei gleicher Punktzahl werden die Organe jenen vermittelt, die Anrecht auf eine bevorzugte Behandlung haben.
Patienten, die auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustandes dringend eine Herz-, Lungen- oder Lebentransplantation benötigen, werden unabhängig von dem neuen Gesetz auch weiterhin Vorrang genießen. Sollten jedoch zwei Kandidaten für dasselbe Organ in Frage kommen, entscheidet ihr Priorisierungsstatus darüber, wer das Organ erhalten wird. Patienten unter 18 und solche, die auf Grund von körperlicher oder mentaler Einschränkung nicht in der Lage sind, ihre Wünsche zu äußern, behalten ihren Prioritätsstatus gegenüber Erwachsenen, die Vorrang genießen.
Es wurde eine groß angelegte Informationskampagne vorbereitet, mit der die israelische Bevölkerung über das neue Gesetz aufgeklärt werden soll. "Die israelische Strategie betrifft einen jeden ohne Ausnahme, auch solche, die auf Grund tiefer religiöser oder philosophischer Überzeugungen gegen eine Organspende sind. Die Gebräuche und Rituale einer Religion sind für Menschen anderen Glaubens nicht verpflichtend, doch die Moral einer Religion, in der Meinung ihrer Anhänger, sollte universal gelten. Verfechter der Ansicht, Organspende nach einem Hirntod sei unmoralisch, wären von dieser Politik nicht betroffen, denn wenn Organspende nach Hirntod falsch ist, dann wäre sie auch falsch für ihre potenziellen Organspender, und dementsprechend sollten sie weder ein Organ spenden noch eines akzeptieren", erklären die Autoren.
"Der Effekt dieser neuen Strategie in der Organtransplantation wird verfolgt werden, und zwei Jahre nach Inkrafttretens wird es einen öffentlichen Bericht dazu geben. Wenn diese neue Strategie das Ziel erreicht, die Zahl der Spenderorgane zou erhöhen, wird jeder profitieren. Auch Menschen, die keinen Organspendeausweis besitzen, wären zwar benachteiligt, aber trotz allem besser gestellt als ohne diese neuen Vorgaben. Sollten sich unerwünschte Effekte zeigen, wie kein Anstieg der Spenderorgane oder ein Anstieg in den Sterberaten der wartenden Patienten, werden Anpassungen der Strategie und der Gesetzgebung nötig sein", schließen die Autoren.
In einem Begleitartikel äußern Linda Wright vom University Health Network in Toronto sowie der Universität Toronto und Diego S. Silva vom Joint Centre for Bioethics der Universität Toronto hinsichtlich der Beschränkungen in dem neuen Gesetz: "Da der Anstieg in den Spenderaten des letzten Jahrzehnts in einigen Ländern teilweise auf eine Zunahme der Lebendspenden zurückgeht, sollten wir da nicht die Unterstützung von Lebenspenden steigern?"
Sie unterstreichen auch die Bedeutung der öffentlichen Informationskampagne und schließen: "Wenn die israelische Initiative, Organspenden zu belohnen, tatsächlich mehr gespendete Organe bewirkt, dann ist das sehr aufschlussreich. Warten wir es ab."
In einem zweiten Kommentar bemerkt Dr. Paolo Bruzzone vom Department 'Paride Stefanini' of Surgery, Surgical Sciences and Transplantation, der Umberto I° Policlinico di Roma an der Sapienza Università di Roma: "Sicher hört sich die Bevorzugung von Besitzern eines Organspendeausweises bei der Organvermittlung akzeptabler an als die Einführung einer Organspendepflicht - also der routinemäßigen Entnahme von Organen hirntoter Patienten ohne die vorherige Einwilligung des Spenders noch zu Lebzeiten oder von seinen Angehörigen - oder auch eine finanzielle Belohnung für Organspende in Form von Übernahme von Bestattungskosten oder Steuererleichterungen bei Organspende im Todesfall oder irgendwelcher finanzieller Belohnungen bei Lebenspende."
Quelle: J Lavee and others. A new law for allocation of donor organs in Israel. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61795-5
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