THE LANCET 04.12.09
 

Überwachte Therapie bei HIV-Patienten nicht besser als eigenverantwortliche Medikamenteneinnahme
Bei der direkt überwachten antiretroviralen Therapie beobachtet ein Gesundheitsbediensteter oder eine andere Person unmittelbar die Medikamenteneinnahme der HIV-Patienten. Allerdings bewirkt die Methode keinen Unterschied der Ergebnisparameter der Behandlung im Vergleich zur eigenverantwortlichen Medikamenteneinnahme - und zwar in der ganzen Bandbreite von Staatswesen mit niedrigem Einkommensstatus bis hin zu Industrieländern. Dies folgert ein aktueller vorab 'Online First' veröffentlichter, von Dr. Nathan Ford von 'Ärzte ohne Grenzen' im südafrikanischen Kapstadt und Kollegen verfasster Artikel.

Die direkt überwachte Behandlung von Tuberkulose ist die Standardtherapie der WHO, allerdings ist dies kostenintensiv und mit Blick auf ausbleibende Erfolge wurden Bedenken hinsichtlich dieser Methode geäußert. Da die antiretrovirale Therapie gegen HIV lebenslang erfolgen muss, sind Bedenken gegenüber der Kosteneffizienz umso ausgeprägter. Eindeutige Hinweise auf einen Nutzen dieser Strategie sind demnach notwendig.

Die Autoren starteten eine Metaanalyse früherer randomisierter kontrollierter Studien, um jegliche Unterschiede in den Ergebnisparametern berechnen zu können. Die Studien umfassten Hochrisikogruppen in den USA (Drogenkonsumenten, Obdachlose und Inhaftierte) sowie eine Vielzahl von Gemeinden in Afrika. Primärer Ergebnisparameter war die Suppression der Viruslast nach Beendigung der Studie.

Die endgültige Analyse umfasste 10 Studien und 1862 HIV-Patienten, wobei die Autoren keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsansätzen entdecken konnten. Sie stellen fest: “Unsere Studie zeigt mit Blick auf die Virussuppression bei HIV-infizierten Personen keinen Vorteil der direkt überwachten gegenüber der selbstverantwortlichen antiretroviralen Behandlung. Trotz der Erwartungen, dass direkt überwachte Therapien eine wirksame Intervention darstellen würden, um die Therapieeinhaltung in der allgemeinen Bevölkerung wie auch bei jenen Risikogruppen zu fördern, die sich nur unzureichend an die Vorgaben halten, konnten wir keine eindeutigen Hinweise finden, die derartige Maßnahmen stützen würden.“

Die Ärzte folgern: "Direkt überwachte antiretrovirale Therapien bieten offensichtlich keinen Vorteil gegenüber einer eigenverantwortlichen Medikamenteneinnahme. Dies stellt den Sinn eines derartigen Ansatzes in Frage, der die Therapiebefolgung in den allgemeinen Patientengruppen unterstützen soll."

In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Julie E. Myers und Dr. Simon J. Tsiouris von der Mailman School of Public Health an der Columbia University in New York: "Die Folgerung, wonach direkt überwachte Therapien nicht geeignet seien, in den allgemeinen Patientengruppen die Einhaltung von Behandlungsvorgaben zu fördern, ist nachvollziehbar. Selbst wenn die Daten, die solche Interventionen stützen, reichlicher vorhanden wären, eine weltweit verbreitete Einführung direkt überwachter Therapien wäre, ungeachtet weiterer Investitionen, unmöglich."

Quelle: N Ford and others. Directly observed antiretroviral therapy: a systematic review and meta-analysis of randomised clinical trials. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61671-8

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