20.11.09
Fernbehandlungen könnten gegen Essstörungen helfen
Essstörungen bleiben weiterhin mit einem Stigma behaftet. Fernbehandlungen, die auf E-Mail, Textnachrichten oder online gesteuerten kognitiven Verhaltenstherapien basieren, könnten die Zusammenarbeit mit Gesundheitsdiensten stärken und Genesungsraten verbessern. Diese und andere Überlegungen rund um diese lähmenden Erkrankungen werden in einem aktuellen vorab Online First veröffentlichten Seminar diskutiert. Autoren sind Professor Janet Treasure vom Institute of Psychiatry am King's College London und Kollegen.
Anorexia nervosa (Magersucht) ist durch extrem geringes Körpergewicht und einer Angst vor dessen Zunahme gekennzeichnet, Bulimia nervosa (Bulimie) umfasst wiederholte Heißhungerattacken, gefolgt von entgegenwirkenden Verhaltensweisen (beispielsweise Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln). Die Kategorie der nicht anderweitig spezifizierten Essstörungen erstreckt sich über mehrere Varianten dieser Erkrankungen, wobei jedoch alle durch unterschwellige Symptome gekennzeichnet sind. Heißhungeranfälle sind gegenwärtig eine Unterkategorie der nicht näher bezeichneten Essstörungen, und werden definiert als häufige Heißhungeressanfälle, die sich von der Bulimie dadurch unterscheiden, dass wiederholte ungeeignete kompensatorische Verhaltensweisen fehlen.
Die Häufigkeit von Essstörungen zu Lebzeiten liegt bei bei Erwachsenen bezüglich Magersucht bei 0,6 Prozent, bezüglich Bulimie bei 1 Prozent und bezüglich Heißhungerattacken bei 3 Prozent, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Häufigkeit bei Erwachsenen zu Lebzeiten könnten weniger gravierend sein als bislang in Standardtexten angegeben: 0,9 Prozent für Magersucht, 1,5 Prozent für Bulimie und 3,5 Prozent für Heißhungerattacken bei Frauen; entsprechend 0,3 Prozent, 0,5 Prozent und 2,0 Prozent bei Männern.
Die Autoren stellen fest: "Die diagnostischen Kriterien befinden sich in einem Prozess der Überprüfung, die möglichen vier neuen Kategorien wären somit: Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Heißhungeressattacken und nicht näher bezeichnete Essstörungen. Diese Kategorien werden auch breiter ausgelegt sein, als es bislang der Fall war, und das wird die Häufigkeit in der Population beeinflussen. Die aktuelle Häufigkeit aller Essstörungen liegt bei etwa 5 Prozent."
Essstörungen können mit tiefgründigen und langwierigen körperlichen und psychosozialen Erkrankungen einhergehen. Beispielsweise sind die Raten für Fertilität und Mutterschaft bei magersüchtigen Frauen verringert. Eine schwedische Studie deutet an, dass die Fertilitätsrate nur 70 Prozent der der allgemeinen Bevölkerung beträgt. Das Geburtsgewicht der Säuglinge von magersüchtigen Müttern liegt niedriger, das der Säuglinge von bulimiekranken Müttern jedoch höher. Die Rate an Fehlgeburten bei bulimiekranken Müttern liegt höher als die von Gesunden. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist die Wahrscheinlichkeit von Müttern mit Bulimia nervosa, zwei oder mehr Fehlgeburten zu erleiden, doppelt so hoch."
Praxisempfehlungen betonen die Wichtigkeit spezialisierter Hilfen zur Behandlung von Essstörungen, allerdings steht derartige Fürsorge häufig nicht zur Verfügung. Daher werden neue Formen der Zuführung von Hilfsmaßnahmen untersucht (beispielsweise per E-Mail, Textnachrichten), wobei die Behandlungen per Handy, Internet oder Telemedizin (z.B. kognitive Verhaltenstherapie seitens eines Therapeuten per Internet) gesteuert werden. Eine systematische Überprüfung von Selbsthilfemaßnahmen (per Computer oder Handbüchern) kam zur Schlussfolgerung, dass diese Maßnahmen unter professioneller Aufsicht (angeleitete Selbsthilfe) bei Bulimie und Heißhungerattacken einen Nutzen bringen könnten, obwohl bislang noch Unklarheiten bestehen.
Bei Magersucht zählen die familiäre/individuelle Beratung mit zusätzlicher Ernährungstherapie, die auf allmähliche Gewichtszunahme abzielt, zu den Grundpfeilern der Behandlung. Bulimie und Heißhungeressstörungen sprechen auf Behandlungen wie kognitive Verhaltenstherapie, Psychotherapie und in einigen Fällen auf Antidepressiva oder Antiadiposita wie Orlistat an. Eine Genesung von der Magersucht wird umso unwahrscheinlicher, je länger die Erkrankung bereits andauerte. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zur Bulimie, dort wird die Heilung umso wahrscheinlicher, je länger die Erkrankung andauerte.
Die Autoren bemerken: "Die diagnostischen Kriterien für Magersucht und Bulimie unterliegen einer Neubewertung und könnten ausgeweitet werden, was den Personenkreis, der in die Kategorie nicht anderweitig näher beschriebener Essstörungen fällt, verringern würde. Heißhungerattacken werden womöglich als weitere zusätzliche Form der Essstörungen akzeptiert werden."
Die Forscher folgern: "Insgesamt betrachtet, sind Fortschritte in der Behandlung von Erwachsenen bislang eher selten, abgesehen vom Interesse an neuen Formen der Zuführung von Therapiemaßnahmen."
Quelle: J Treasure and others. Eating disorders. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61748-7
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