13.11.09
Bessere Arbeitsbedingungen und –zufriedenheit stärken Beschäftigungsverhältnisse bei älteren Arbeitnehmern
Die aktuelle vorab "Online First" veröffentlichte GAZEL-Studie zeigt, dass ein schlechter Gesundheitszustand im Sinne wahrgenommener gesundheitlicher Probleme bei allen Gruppen von Arbeitnehmern durch den Eintritt in den Ruhestand verbessert werden kann. Eine Ausnahme bilden jene, die in idealen Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Um ältere Arbeitnehmer zum Verbleib im Beschäftigungsverhältnis zu bestärken, müssen also die Arbeitsverhältnisse weit besser angepasst werden, als es gegenwärtig der Fall ist. Der Artikel wurde von Dr. Hugo Westerlund vom Stress Research Institute an der Stockholm University sowie dem University College London und Kollegen verfasst.
Die Autoren untersuchten Selbsteinschätzungen zur Gesundheit von 14 714 Angestellten (11 581 Männer [79 Prozent]) des nationalen französischen Gas- und Elektrizitätsversorgers EDF-GDF. Diese GAZEL-Kohorte wurde für bis zu 7 Jahre vor und nach dem Ruhestandseintritt beobachtet, wobei im Zeitraum 1989 bis 2007 jährlich Daten erhoben wurden. Die Forscher stellten insgesamt fest, dass suboptimale Gesundheitszustände mit dem Alter zunahmen. Allerdings fiel die geschätzte Häufigkeit suboptimaler Gesundheit im Jahr vor sowie im Jahr nach der Pensionierung von 19 Prozent auf 14 Prozent, was einem gesundheitlichen Zugewinn von 8 bis 10 Jahren entspricht. Mit anderen Worten, im Sinne des Risikos suboptimaler Gesundheit wurden die Personen unvermittelt theoretische 8 bis 10 Jahre jünger, wenn sie in den Ruhestand eintraten. Diese ruhestandsbezogene Verbesserung wurde bei Frauen und Männern gleichermaßen, wie auch quer über alle beruflichen Ränge festgestellt. Die Verbesserungen konnten zudem über die 7 Jahre nach der Pensionierung hinweg beibehalten werden.
Eine schlechte Arbeitsplatzumgebung sowie gesundheitliche Beschwerden vor der Pensionierung waren mit einer stärkeren jährlichen Zunahme der Häufigkeit suboptimaler Gesundheit wie auch mit umfassenderen ruhestandsbezogenen Verbesserungen verknüpft. Allerdings zeigten Personen mit einer Kombination eines hohen beruflichen Rangs, geringen Anforderungen und hoher Zufriedenheit am Arbeitsplatz keine derartigen ruhestandsbezogenen Verbesserungen. Die Autoren bemerken, dass diese ideale Kombination von Bedingungen nur bei etwa 2 Prozent der Beschäftigten anzutreffen gewesen wäre.
Nach Meinung der Forscher lässt ihre Studie vermuten, dass Arbeit eine gesonderte Belastung der Gesundheit darstelle, wenn sie hoch anspruchsvoll und nicht zufriedenstellend sei, dass die Auswirkungen dieser Belastung jedoch umkehrbar seien. Die Ergebnisse zeigen auch, dass der Familienstand keinen Einfluss auf die Verknüpfung zwischen Pensionierung und suboptimaler Gesundheit hatte. Dies deutet potenziell an, dass die ruhestandsbezogenen Verbesserungen eher mit dem Berufsleben statt dem Privatleben in Beziehung standen.
Die Daten dieser Studie stammen von den Angestellten einer frankreichweit im städtischen und ländlichen Raum operierenden Firma, und sie umfassen einen weiten Rahmen von Beschäftigungsverhältnissen. Im weltweiten Vergleich zu anderen Angestellten allerdings traten die Teilnehmer ihren Ruhestand frühzeitig an (ab dem Alter von 55 Jahren) und profitierten von einer guten sozialen Absicherung (Erhalt von 80 Prozent des früheren Gehalts als Pension). Die wesentlichen Verbesserungen, die die meisten Angestellten zeigten, lassen jedoch vermuten, dass die beobachteten Ergebnisse auch auf andere Gesellschaften mit großzügiger sozialer Sicherheit nach der Pensionierung einigermaßen übertragbar sind und für einen großen Anteil der Angestellten in den Industrienationen gelten.
Die Autoren stellen fest: "Unsere Ergebnisse sollten bei jenen Politikern Bedenken hervorrufen, die Arbeitnehmer überzeugen wollen, länger im Arbeitsleben zu stehen. Ältere Beschäftigte, die eine sich verschlechternde Gesundheit wahrnehmen, und die eventuell zusätzlich bemerken, dass sich viele ihrer etwas älteren Freunde und früheren Kollegen einer exzellenten Gesundheit erfreuen, seit sie pensioniert sind, könnten sich eher motiviert fühlen, früher in den Ruhestand zu treten, statt mit dem Berufsleben über das gesetzlich vorgeschriebene Pensionsalter hinaus fortzufahren."
Die Forscher folgern: "Wenn unsere Ergebnisse auf Gesellschaften anwendbar sind, in denen sich die soziale Absicherung weniger umfassend darstellt als für die Teilnehmer der GAZEL-Kohortenstudie, dann könnte der finanzielle Anreiz nicht ausreichend sein und wäre auch nicht der moralisch vertretbarste Weg, dem Trend in Richtung eines frühen Rentenalters entgegen zu wirken. Die wohl sinnvollste Option ist, das Arbeitsleben älterer Beschäftigter neu zu gestalten, um es gesünder und zufriedenstellender als gegenwärtig einzurichten. Somit könnte, hoffentlich, eine verbesserte Gesundheit und Lebensqualität in den Beschäftigungsverhältnissen, eine verstärkte Produktivität und ein größerer arbeitender Anteil der Bevölkerung erreicht werden."
In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. Johannes Siegrist und Dr. Morten Wahrendorf von der Universität Düsseldorf: "Die sich aus der Studie von Westerlund und Kollegen ergebenden Rückschlüsse für die Politik sind recht überzeugend. Wenn die schlechte Qualität der Arbeitsbedingungen Gesundheit und Wohlbefinden der älteren Arbeitnehmer verringert, und somit die Teilnahme dieser Altersgruppe am Arbeitsleben beeinträchtigt, dann müssen Anstrengungen auf der Ebene einzelner Organisationen und Betriebe wie auch auf der Ebene nationaler Arbeits- und Sozialpolitik auf eine Verbesserung hin zu gesunden Arbeitsbedingungen ausgerichtet sein."
Quelle: Hugo Westerlund, Mika Kivimäki, Archana Singh-Manoux, Maria Melchior, Jane E Ferrie, Jaana Pentti, Markus Jokela, Constanze Leineweber, Marcel Goldberg, Marie Zins, Jussi Vahtera . Self-rated health before and after retirement in France (GAZEL): a cohort study. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61570-1
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