13.11.09
Altersabhängige Infektions- und Sterblichkeitsraten bei Schweinegrippe
Eine Studie zu den Schweinegrippe-Infektionen in Mexiko zeigt, dass zwar Kleinkinder und Personen im Alter von 39 oder weniger Jahren das größte Risiko haben, infiziert zu werden, dass ältere Personen jedoch die höchsten Sterblichkeitsraten aufweisen. Ein aktueller vorab 'Online First' veröffentlichter Artikel berichtet von der bis zum 31. Juli 2009 erfassten Datenlage. Autoren des Artikels sind Dr. Victor Borja-Aburto vom Mexican Institute for Social Security in Mexico City und Kollegen.
Die Autoren analysierten die vom Influenza-Überwachungssystem im Zeitraum vom 28. April bis zum 31. Juli 2009 gesammelten Informationen von Patienten, die mit grippeähnlichen Erkrankungen in Kliniken behandelt wurden, die dem Netzwerk Mexican Institute for Social Security angeschlossen waren. Die Forscher stellten fest, dass bis zum 31. Juli 2009 63 479 Fälle einer grippeähnlichen Erkrankung erfasst wurden. 6945 (11 Prozent) H1N1-Infektionen wurden bestätigt; davon waren 6407 (92 Prozent) ambulant behandelte Patienten, 475 (7 Prozent) wurden eingewiesen und überlebten, 63 (unter 1 Prozent) starben. Personen im Alter von 10 bis 39 Jahren waren am häufigsten betroffen (3922 [56 Prozent]). Die Sterblichkeitsraten zeigten eine J-förmige Häufigkeitskurve, das größte Risiko lag demnach in der Altersgruppe von 70 oder mehr Jahren (10,3 Prozent). Die folgenden Sterblichkeitsraten wurden in den anderen Altersgruppen erfasst: 60 bis 69 Jahre: 5,7 Prozent; 50 bis 59 Jahre: 4,5 Prozent; 40 bis 49 Jahre: 2,7 Prozent; 30 bis 39 Jahre: 2,0 Prozent; unter einem Jahr: 1,6 Prozent; 20 bis 29 Jahre: 0,9 Prozent; 1 bis 9 Jahre: 0,3 Prozent; 10 bis 19 Jahre: 0,2 Prozent.
Das Infektionsrisiko wurde bei jenen um 35 Prozent verringert, die gegen die jahreszeitlich übliche Influenza geimpft waren. Jeder Tag Verzögerung in der Klinikaufnahme nach dem vierten Tag des Auftretens von Symptomen erhöhte das Sterblichkeitsrisiko um nahezu 20 Prozent, das Vorliegen von chronischen Krankheiten verstärkte das Sterblichkeitsrisiko der Patienten sogar um das Sechsfache.
Die Autoren betonen, dass schwangere Frauen in ihrer Studie mit 6 Prozent zu den Todesfällen beitrugen (4 von 63), was geringfügig unter der Rate lag, die in den USA in einem ähnlichen Zeitraum erfasst wurde (8 Prozent, 7 von 87 Todesfällen). Die Forscher bemerken: "In Mexiko wurden alle schwangeren Arbeiterinnen während des Höchststands der Pandemie nach Hause geschickt, was wahrscheinlich diesen Unterschied erklärt. Informationen zu Schwangerschaften bei klinisch bestätigten Grippefällen waren im Überwachungssystem nicht verfügbar, und wir waren nicht in der Lage, die fallbezogene Sterblichkeit bei schwangeren Frauen abzuschätzen. Keine der verstorbenen schwangeren Patientinnen erhielt während der ersten 48 Stunden antivirale Medikamente, keine ist gegen Influenza geimpft worden. Die Behandlung dieser Gruppe sollte unmittelbar nach dem Auftreten der Symptome gestartet werden, eine Impfung während der Schwangerschaft ist nicht kontraindiziert und kann somit in Betracht gezogen werden."
Ein möglicher Schutz gegen die H1N1-Grippe durch die saisonale Grippeimpfung wird kontrovers gesehen, wie die Autoren bestätigen. Sie stellen fest: "Die mexikanische Bevölkerung, die seit 1977 saisonal gegen Grippe geimpft wurde, darunter mit H1N1-Partikeln, könnte von einer Kreuzimmunität profitiert haben. Die hohe Infektionsrate bei jungen Menschen zeigt nicht nur deren unterschiedliches, mit ihren täglichen Aktivitäten verknüpftes Ausgesetztsein, sondern auch, dass Personen im Alter von mehr als 60 Jahren eine gewisse Immunität gegenüber dem H1N1-Virus besitzen könnten."
Die Autoren folgern: "Obwohl sich das H1N1-Virus weltweit in 186 Länder und Regionen verbreiten konnte, erreichte es nicht die Größenordnung seines gewaltigen Vorgängers des Jahres 1918. Einige Forscher glauben, dass das aktuelle H1N1-Virus aufgrund der mittlerweile verfügbaren Informationen keine Pandemie in dem Ausmaß hervorrufen wird wie jene im Verlauf des 20. Jahrhunderts beschriebenen. Diese Pandemie ist möglicherweise nicht die, die wir erwartet hatten, allerdings entwickelt sich das Virus weiter und die Bedrohung besteht fort."
In einem begleitenden Kommentar bemerken Dr. V. Alberto Laguna-Torres von der San Marcos University in Lima und dem US Naval Medical Research Center Detachment in Lima sowie Dr. Jorge Gomez Benavides vom peruanischen Gesundheitsministerium: "Ein signifikantes Ergebnis des aktuellen Berichts ist das zwar höhere Infektionsrisiko bei Kindern, jedoch auch der ernsthaftere Krankheitsverlauf bei Personen von mehr als 60 Jahren (höheres Sterblichkeitsrisiko). Hinzu kommt, dass Schulschließungen und Einschränkungen bei Massenveranstaltungen die Ausbreitung der Epidemie erfolgreich entschärfen konnten, wie es in anderen Ländern beobachtet werden konnte."
Die Forscher folgern: "Entscheidungen müssen auf Basis vorläufiger Ergebnisse und begrenzter Quellen getroffen werden, und manchmal bleibt keine Zeit, das Ende einer Pandemie abzuwarten, um damit über bessere Information zu verfügen. Gegenwärtig wissen wir, dass die Pandemie nicht das Ausmass ihres Vorläufers des Jahres 1918 erreicht hat, sich das wissenschaftliche Wissen allerdings wohl aufgrund der weltweiten Online-Kommunikation rascher als zuvor entwickelte."
Quelle: S Echevarría-Zuno and others. Infection and death from influenza A H1N1 virus in Mexico: a retrospective analysis. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61638-X
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