06.11.09
Armutsbekämpfungsprogramm in Mexiko zeigt Wirkung
Die langfristige Nachbeobachtung der im mexikanischen Sozialprogramm "Oportunidades" (bedingter Geldtransfer, CCT) erfassten Kinder zeigt mit Blick auf deren Gesundheit und Entwicklung eine Reihe von Erfolgen. Darüber hinaus verringerte laut Berichten eine um 18 Monate verlängerte Einbindung in das "Oportunidades"-Programm die Zahl sozioemotionaler Probleme bei 8- bis 10-jährigen Kindern. Die Ergebnisse werden in einem aktuellen vorab "Online First" veröffentlichten Artikel beschrieben, die Verfasser sind Professor Lia Fernald von der School of Public Health an der University of California in Berkeley sowie Kollegen.
Das mexikanische Programm "Oportunidades" (vormals "Progresa") war eines der ersten entworfenen CCT-Programme, und wurde gestartet, um die Lebensbedingungen armer Familien durch Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Bildung zu verbessern. Nach 2 bis 5 Jahren Teilnahme an den Maßnahmen verbesserte das Programm die Kindesentwicklung in ländlichen und städtischen Gebieten, wobei die Effekte bei den anfälligsten Untergruppen am deutlichsten ausfielen. In dieser Studie untersuchten die Autoren die Effektivität von "Oportunidades" bei Kindern, knapp 10 Jahre nachdem das Programm startete.
Von April 1997 bis Oktober 1998 wurden einkommensschwache Gemeinschaften per Zufallsverfahren unmittelbar (frühzeitige Hilfe, n = 320) oder mit 18-monatiger Verzögerung (späte Hilfe, n = 186) dem Sozialprogramm "Oportunidades" zugeordnet. Im Jahr 2007, nachdem 1093 Kinder die frühzeitige und 700 die spätere Hilfe erfahren und mittlerweile das Alter von 8 bis 10 Jahren erreicht hatten, wurden sie auf die Ergebnisparameter körperliches Wachstum, kognitive und sprachliche sowie sozioemotionale Entwicklung hin untersucht. Primäre Zielsetzung war, jene Folgen zu untersuchen, die mit den zusätzlichen 18 Monaten Programmverlauf verknüpft waren. Die Auswirkungen der Programmteilnahme auf Größe-Alter-Index, Body Mass Index (BMI) sowie kognitive, sprachliche und verhaltensbezogene Bewertungspunkte wurden zwischen den frühen und späten Maßnahmengruppen verglichen.
Die frühzeitige Einbindung in das Programm verringerte Verhaltensstörungen bei allen Kindern der Frühhilfegruppe im Vergleich zu den Kindern der Späthilfegruppe, jedoch gab es zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede bezüglich Größe-Alter-Index, BMI oder den Bewertungspunkten für Sprachentwicklung oder Erkenntnisvermögen. Die zusätzlichen 18 Monate Programmverlauf vor dem dritten Lebensjahr hatten für jene nun 8- bis 10-Jährigen ein besseres Wachstum zur Folge, deren Mütter keine Schulbildung genossen hatten. Im Z-Score des anthropometrischen Gewicht-Größe-Indexes wurden etwa 1,5 Zentimeter mehr festgestellt, unabhängig von den erhaltenen finanziellen Leistungen.
Die Autoren stellen darüber hinaus fest: "Unsere Ergebnisse zeigen eine signifikante unabhängige positive Verknüpfung zwischen kumulativen Geldleistungen und Körpergröße, kognitiven Leistungen und Sprachschatz, sowie eine negative Verknüpfung mit Verhaltensstörungen, was mit den Ergebnissen übereinstimmt, die wir für diese Kinder ermittelt haben, als sie noch 3 bis 5 Jahre alt waren."
Die Forscher folgern: "Die Unmöglichkeit, die ursächlichen Wege zu entschlüsseln, über welche die CCTs die Ergebnisparameter für die Kinder beeinflusst haben, ist ein wesentlicher Forschungsrückstand. Unsere Analyse zieht ihren Vorteil aus den ausführlichen verfügbaren Informationen über das mexikanische 'Oportunidades'-Programm, wie auch aus der Qualität der Geldtransferdaten, um damit potenzielle Mechanismen der CCTs zu erforschen. Dadurch werden die Beschränkungen erkannt, die dieser Ansatz für Schlussfolgerungen bezüglich der Ursachen hat. Insgesamt lassen diese Ergebnisse vermuten, dass 'Oportunidades'-Programmkomponenten unabhängige nützliche Effekte auch jenseits des Geldtransfers hervorrufen, insbesondere bei Frauen, die keine schulische Ausbildung hatten, und dass die finanzielle Hilfe ebenfalls signifikante Auswirkungen hat und somit zu bereits bestehenden Hinweisen beiträgt, in früher Kindheit Maßnahmen zu ergreifen."
In einem Begleitkommentar bemerkt Santiago Cueto von GRADE (Grupo de Anàlasis para el Desarrollo) im peruanischen Lima: "Von der politischen Warte aus gesehen, muss geklärt werden, warum die Bereitstellung solcher Hilfen für arme Menschen gerade in vielen Entwicklungsländern so wenig ausgeprägt scheint. Es gibt viele Gründe, wie höhere Kosten pro Kopf, wenn arme Bevölkerungsanteile mit hochqualitativen Hilfen erreicht werden sollen (da diese häufig in isolierten Bereichen leben) sowie die begrenzte politische Kraft und Stimme dieser Gruppen (verglichen mit wohlhabenderen Bevölkerungsanteilen). Allerdings deuten weltweit zunehmend Hinweise aus der Forschung an mehreren konditionierten Geldtransferprogrammen an, dass diese zur Bekämpfung der Armut Teil kombinierter Maßnahmen sein müssen, statt nur isolierte Einzelprogramme, die Ungleichheiten überwinden sollen."
Quelle: Lia C.H. Fernald, Paul J. Gertler, Lynnette M. Neufeld. 10-year effect of Oportunidades, Mexico's conditional cash transfer programme, on child growth, cognition, language, and behaviour: a longitudinal follow-up study. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61676-7
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