THE LANCET 23.10.09
 

Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen kann Krebsrisiken steigern
An Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa (insgesamt als chronisch entzündliche Darmerkrankung, IBD, bezeichnet) erkrankte Patienten werden regelmäßig mit Thiopurinen behandelt, damit sie in der Remission bleiben. Ein vorab 'Online First' veröffentlichter aktueller Artikel zeigt jedoch, dass diese Behandlung das Risiko maligner lymphoproliferativer Erkrankungen (LD) steigern kann. Diese Krebserkrankungen sind mit Vireninfektionen verknüpft, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV).

Das Thiopurin Azathioprin und sein wirksamer Metabolit 6-Mercaptopurin werden auf Grund ihrer immunsuppressiven Eigenschaften eingesetzt, um bei IBD-Patienten die Remission zu erhalten. Empfänger von Organtransplantaten erhalten diese Medikamente als Teil der immunsuppressiven Therapie, stehen allerdings unter dem erhöhten Risiko, eine LD zu entwickeln, insbesondere über eine Infektion mit dem EBV. Bislang wurde bei IBD-Patienten zwar kein übermäßiges LD-Risiko festgestellt, jedoch haben sich die Daten von mit Thiopurinen behandelten Patienten als widersprüchlich erwiesen. Mit Blick auf die steigenden Zahlen von mit Thiopurinen behandelten IBD-Patienten entschieden die Autoren, dass das mögliche erhöhte Risiko dieser Patienten untersucht werden muss.

Diese beobachtende Kohortenstudie analysierte 19 486 Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Unter diesen litten 60 Prozent unter Morbus Crohn, 40 Prozent unter Colitis ulcerosa oder anderen nicht klassifizierten entzündlichen Darmerkrankungen. Alle Patienten wurden in einer französischen landesweiten Kohorte durch 680 Gastroenterologen zusammengefasst. Die Ärzte berichteten im Verlauf der Beobachtungsphase von Einzelheiten der immunsuppressiven Therapien, wie auch von LD-Krebserkrankungen und Todesfällen. Das Risiko einer LD wurde anhand der Thiopurinmengen bewertet. Der mittlere Nachuntersuchungszeitraum lag bei 35 Monaten.

Vor Beginn der Studie erhielten 30 Prozent der Patienten Thiopurine, 14 Prozent hatten die Behandlung abgebrochen und 56 Prozent hatten zuvor noch niemals Thiopurine verabreicht bekommen. 23 LD-Neuerkrankungen wurden festgestellt, darunter ein Fall eines Morbus Hodgkin und 22 Non-Hodgkin-Lymphome (NHL). Die LD-Häufigkeitsraten lagen bei 0,90 pro 1000 Patientenjahren in der behandelten Gruppe, bei 0,20/1000 Patientenjahren in der Gruppe der Abbbrecher sowie bei 0,26/1000 Patientenjahren in der bislang nicht behandelten Gruppe (p=0,0054). Statistische Analysen zeigten, dass das LD-Risiko Thiopurin-behandelter Patienten um mehr als das Fünfache höher lag als jenes der niemals zuvor mit diesen Medikamenten behandelten Patienten. Die meisten der mit den Thiopurinen verknüpften Fälle glichen transplantationsassoziierten lymphoproliferativen Erkrankungen. Fortgeschrittenes Alter, männliches Geschlecht und eine bereits länger andauernde chronisch entzündliche Darmerkrankung waren ebenfalls mit dem höheren Risiko einer LD verknüpft.

Die Autoren folgern: "Wenn wir unsere Ergebnisse extrapolieren, dann bleibt das absolute kumulative Risiko einer malignen lymphoproliferativen Erkrankung bei jüngeren Patienten, die einer 10-jährigen Thiopurinbehandlung unterzogen sind, niedrig (kleiner 1 Prozent) und beeinträchtigt auch nicht das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis dieser Medikamente. Bei älteren Patienten und unbegrenzter Behandlungsdauer sollte die Fragestellung in ausgewiesenen Studien untersucht werden."

In einem begleitenden Kommentar stellen Dr.  Geert D’Haens vom Imelda GI Clinical Research Centre in Bonheiden und dem University Hospital Gasthuisberg in Leuven sowie Dr. Paul Rutgeerts vom University Hospital Gasthuisberg fest: "Obwohl wir das leicht erhöhte Risiko für Lymphome erkennen, werden diese Substanzen wahrscheinlich Grundpfeiler der Behandlungen bleiben. Gleichwohl sollten Ärzte gewarnt sein, wenn langfristige kombinierte und schwerwiegende Immunsuppressionen notwendig sind, um die Kontrolle der Erkrankung zu erreichen."

Quelle: L Beaugerie and others. Lymphoproliferative disorders in patients receiving thiopurines for inflammatory bowel disease: a prospective observational cohort study. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61302-7

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