16.10.09
Weltweit hoher Cannabiskonsum trotz gesundheitlicher Risiken
Im Jahr 2006 konsumierten Schätzungen zufolge weltweit 166 Millionen Erwachsene im Alter von 15 bis 64 Jahren (vier Prozent aller aus dieser Altersgruppe) Cannabis trotz der nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Fragestellungen um den Cannabismissbrauch werden in einem aktuellen 'Review' diskutiert, verfasst von Professor Wayne Hall von der School of Population Health an der University of Queensland im australischen Brisbane und Professor Louisa Degenhardt vom National Drug and Alcohol Research Centre an der University of New South Wales in Sydney.
Die Abschätzung des Cannabiskonsums stammt vom Büro der Vereinten Nationen für Suchtstoff- und Verbrechensbekämpfung UNODC. Die höchsten Gebrauchsraten fanden sich in den USA, Australien und Neuseeland, gefolgt von Europa. Aufgrund der großen Bevölkerungszahlen werden 31 Prozent, 25 Prozent und 24 Prozent der weltweiten Cannabiskonsumenten entsprechend in Asien, Afrika und Amerika vermutet, wiederum gefolgt von Europa mit 18 Prozent und Ozeanien mit zwei Prozent.
Die Tendenzen im Gebrauch der Droge sind innerhalb und auch zwischen den Regionen höchst variabel. Obwohl Australien und Neuseeland in der höchsten Nutzerkategorie liegen (mehr als acht Prozent der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahre konsumieren Cannabis), geht der Missbrauch in beiden Staaten zurück, was sich auch mit Berichten aus Westeuropa deckt. Im Gegensatz hierzu scheint der Konsum in einigen Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommensstatus jedoch zuzunehmen, eine Tendenz, die in Lateinamerika und einigen afrikanischen Staaten beobachtet wurde.
Forschungen in Nordamerika konnten zeigen, dass zehn Prozent der früheren Konsumenten nun täglich Cannabis verwenden, 20 bis 30 Prozent wöchentlich. Der Missbrauch beginnt üblicherweise im jugendlichen Alter, erreicht seinen Höhepunkt im Alter von 20 oder etwas mehr Jahren und geht wieder zurück, wenn die jungen Menschen Vollzeit-Arbeitsverhältnisse eingehen, heiraten und Kinder haben.
Die aktive Substanz des Cannabis, das Tetrahydrocannabinol (THC), verschafft den Konsumenten ein leichtes Hochgefühl, das etwa 30 Minuten nach dem Rauchen eintritt, und typischerweise ein bis zwei Stunden anhält. Etwa 5 bis 24 Prozent des konsumierten THC erreichen das Gehirn. Akute unerwünschte Effekte umfassen Angstzustände, Panikreaktionen und psychotische Symptome, die meist von Neukonsumenten berichtet werden. Bezüglich eines steigenden THC-Gehalts im Hanf werden Bedenken geäußert, Hinweise zu dieser Frage sind jedoch sehr selten. Im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte haben Forschungen angedeutet, dass die THC-Konzentrationen in beschlagnahmten Cannabisprodukten während dieser Zeit zugenommen haben könnten.
Cannabiskonsum verlangsamt die Reaktionszeit, die Verarbeitung von Informationen sowie die Koordination, was das Risiko von Verkehrsunfällen bei den Berauschten ansteigen lässt. Cannabiskonsum beeinträchtigt die Fahrtüchtigkeit geringer als Alkohol, da berauschte Fahrer langsamer fahren und weniger Risiken eingehen. Studien deuten jedoch an, dass Cannabiskonsum das Risiko eines Verkehrsunfalls zumindest verdoppelt, einige gehen auch von größeren Steigerungen aus. Eine französische Studie schätzte, dass 2,5 Prozent der tödlichen Unfälle auf Cannabiskonsum beruhen könnten, demgegenüber 29 Prozent auf Alkoholkonsum. Cannabiskonsum während der Schwangerschaft kann zwar das Geburtsgewicht verringern, scheint jedoch bei Neugeborenen bislang keine Schädigungen hervorgerufen zu haben.
Etwa neun Prozent der Personen, die jemals Cannabis konsumiert haben, werden davon abhängig, somit sind jährlich ein bis zwei Prozent der Erwachsenen betroffen. Die entsprechenden Risiken zu Lebzeiten liegen für Nikotin bei 32 Prozent, für Heroin bei 23 Prozent, für Kokain bei 17 Prozent, für Alkohol bei 15 Prozent und für sonstige Stimulantien bei 11 Prozent. Einige Cannabiskonsumenten suchen Hilfe auf, um gegen Entzugserscheinungen wie Angstzustände, Schlafstörungen, Essstörungen und Depressionen vorgehen zu können. Verhaltenstherapien können Cannabiskonsum und Cannabis-bedingte Fragestellungen zwar verringern helfen, allerdings bleiben nur 15 Prozent der behandelten Personen auch noch 6 bis 12 Monate nach der Therapie abstinent.
Regelmäßige Cannabisraucher berichten häufiger von chronischer Bronchitis (Keuchen, Auswurf und chronischer Husten) als Nichtraucher. Cannabisrauch enthält viele der gleichen krebserregenden Substanzen wie Tabakrauch auch, wobei manche sogar in höheren Konzentrationen vorliegen. Fall-Kontrollstudien zu Lungenkrebs stellten zwar einen Zusammenhang mit Cannabiskonsum fest, die Interpretation der Daten ist dennoch unsicher, da auch Störvariablen vorliegen: die meisten häufig und langfristig Cannabis Rauchenden rauchen auch Tabak.
Intensive Cannabisraucher zeigen durchweg Defizite im verbalen Lernvermögen, Erinnerungsvermögen und Aufmerksamkeit. Diese Defizite sind allerdings unterschiedlich von Dauer und Häufigkeit des Cannabiskonsums abhängig, wie auch von kumulativen Mengen des THC. Weitere Studien mit bildgebenden Verfahren zu Gehirnfunktionen bei größeren Gruppen von Langzeitkonsumenten sind notwendig, um festzustellen, ob kognitive Beeinträchtigungen mit strukturellen Veränderungen in jenen Gehirnregionen korrelieren, die an Gedächtnisleistungen und Emotionen beteiligt sind.
Cannabiskonsum steht im Zusammenhang mit niedrigeren Bildungsabschlüssen, wobei jedoch Ursache und Wirkung dieser Verknüpfung unklar sind. Die plausibelste Erklärung ist womöglich, dass beeinträchtigte Bildungsergebnisse folgender Kombination zugeordnet werden können: bereits vorliegendes höheres Risiko, Effekte des regelmäßigen Cannabiskonsums auf kognitive Leistungen, verstärkte Beziehungen zu gleichaltrigen Schulverweigerern und ein starker Wunsch frühzeitig 'erwachsen' zu werden.
In den USA, Australien und Neuseeland zeigen regelmäßige Cannabisraucher eine weit größere Wahrscheinlichkeit, später andere illegale Drogen zu konsumieren, darunter Heroin und Kokain. Je jünger der Cannabis-Erstkonsument, desto wahrscheinlicher ist der Heroin- und Kokainmissbrauch. Dies folgt aus einer Reihe von Gründen: Cannabiskonsumenten haben mehr Gelegenheiten, andere illegale Drogen zu verwenden, da Cannabis auf demselben Schwarzmarkt gehandelt wird; junge Cannabisraucher werden wahrscheinlich andere illegale Drogen aus Gründen konsumieren, die nicht mit dem Cannabisrauchen in Verbindung stehen; und pharmakologische Wirkungen des Cannabis verstärken die Neigung, andere illegale Drogen zu verwenden. Diese Fragestellungen bleiben Gegenstand umfangreicher Erörterungen.
Cannabis kann sich auf die psychische Gesundheit seiner Konsumenten auswirken. Studien lassen vermuten, dass sich das Risiko einer Schizophrenie bei den 18-jährigen Rauchern mehr als verdoppelt. Eine 2007 in 'The Lancet' veröffentlichte Metaanalyse zeigte eine 40-prozentige Steigerung des Risikos psychotischer Symptome bei Personen, die jemals Cannabis konsumiert hatten. Das höchste Risiko trugen regelmäßige Raucher und insbesondere jene mit einer gewissen Anfälligkeit für Psychosen. Im Fall von depressiven Störungen und Selbsttötungen ist der Zusammenhang mit Cannabis unklar.
Die Autoren stellen fest, dass die Belastung der öffentlichen Gesundheit durch Cannabiskonsum im Vergleich zu Alkohol, Tabak und anderen illegalen Drogen noch relativ gering sei. Ein kürzlich erfolgte australische Studie schätzte, dass der Cannabiskonsum nur zu 0,2 Prozent zur Gesamtbelastung durch Krankheiten beitrage, und das in einem Land, in dem höchste Cannabiskonsum-Raten verzeichnet werden. Cannabis wird für zehn Prozent der Belastungen verantwortlich gemacht, die durch alle illegalen Drogen entstehen (darunter Heroin, Kokain und Amphetamine). Außerdem werden zehn Prozent der Krankheitsbelastungen durch Alkohol (2,3 Prozent), jedoch nur 2,5 Prozent der Belastungen durch Tabak (7,8 Prozent) dem Cannabis angelastet.
Die Forscher folgern: "Die wahrscheinlichsten unerwünschten Folgen des Cannabiskonsums sind ein Abhängigkeitssyndrom, ein erhöhtes Risiko für Verkehrsunfälle, gestörte Atemwegsfunktionen, Herzkreislauferkrankungen und nachteilige Effekte des regelmäßigen Konsums auf die psychosoziale Entwicklung der Heranwachsenden und die psychische Gesundheit."
Quelle: W Hall and L Degenhardt. Adverse health effects of non-medical cannabis use. Lancet 2009; 374: 1383
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