09.10.09
Frühzeitige Behandlung mit Glatiramer-Acetat verringert Risiko fortschreitender multipler Sklerose (PreCISe-Studie)
Glatiramer-Acetat gilt als bewährtes Medikament bei schubförmig-remittierender multipler Sklerose (MS). Ein aktueller vorab 'Online First' veröffentlichter Artikel zeigt, dass die frühzeitige Behandlung mit diesem Medikament das Risiko der Patienten, dass ihre Symptomatik von den ersten Anzeichen einer MS bis hin zur klinisch eindeutigen Erkrankung fortschreitet, um nahezu die Hälfte reduzieren kann. Der Artikel wurde von Professor Giancarlo Comi vom Department of Neurology an der University Vita-Salute in Mailand sowie Kollegen verfasst.
Bei etwa 85 Prozent aller Patienten, bei denen letztendlich eine multiple Sklerose diagnostiziert wird, zeigt sich als erstes klinisches Anzeichen ein akuter und üblicherweise spontan auftretender remittierender Schub, der auf eine Läsion des zentralen Nervensystem schließen läßt, was als Clinically Isolated Syndrom (CIS) bekannt ist. Allerdings entwickeln nicht alle Patienten mit diesem Syndrom eine MS, und für die am Ende tatsächlich Betroffenen ist die Vorhersage äußerst unterschiedlich. Beispielsweise wird etwa die Hälfte der Erkrankten nach 15 bis 20 Jahren nach klinischem Ausbruch erhebliche Behinderungen zeigen, bis zu einem Drittel jedoch wird nur wenige oder sogar keine Beeinträchtigungen aufweisen. Klinische Hinweise wie auch jene der Magnetresonanztomografie (MRT) lassen vermuten, dass eine frühzeitige Behandlung die Häufung irreversibler neuronaler Schäden verhindern oder verzögern kann.
Diese randomisierte Doppelblindstudie wurde in 80 Zentren in 16 Ländern durchgeführt. 481 mit einem CIS erschienenen Patienten erhielten per Zufallsverfahren im Verlauf von bis zu 36 Monaten entweder täglich subkutan 20 Milligramm Glatiramer-Acetat (n=243) oder Placebo (n=238), es sei denn, sie entwickelten eine klinisch eindeutige MS. Primärer Endpunkt war die Zeitspanne bis zur klinisch definierten MS, die anhand eines zweiten klinischen Schubs festgelegt wurde. Eine vorab geplante Zwischenanalyse der angesammelten Daten von 81 Prozent des dreijährigen Studienverlaufs wurde durchgeführt.
Glatiramer-Acetat verringerte im Vergleich zu Placebo das Risiko der Entwicklung einer klinisch eindeutigen MS um 45 Prozent. Die Zeitspanne, bis bei 25 Prozent der Patienten die klinisch definierte Erkrankung diagnostiziert wurde, konnte mehr als verdoppelt werden. Unter Placebo dauerte es knapp unter einem Jahr, unter Glatiramer-Acetat bis knapp unter zwei Jahren. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse in der Glatiramer-Acetat-Gruppe waren Reaktionen am Injektionsort (56 Prozent unter Glatiramer-Acetat, 24 Prozent unter Placebo) sowie unmittelbar nach der Injektion auftretende Reaktionen (19 Prozent gegenüber 5 Prozent).
Die Autoren stellen fest, dass die Beständigkeit der positiven Ergebnisse durch eine weitere gleichzeitige Wirkung des Glatiramer-Acetats hervorgehoben wurde. Das Medikament verringerte die Messergebnisse aller Magnetresonanztomografien hinsichtlich krankheitsspezifischer Aktivität (Hinweise auf Läsionen im Gehirn). In einer nachträglichen Analyse, die alle jene Patienten umfasste, die 2 Jahre des Studienverlaufs überstanden, ohne die klinisch definierte multiple Sklerose zu entwickeln, stellten die Forscher im Gegensatz zu den Placebo-behandelten bei den Glatiramer-Acetat-behandelten Patienten eine signifikante Verringerung der Häufung neuer T2-Läsionen fest. Dies gilt für die vier Tomografien des ersten Jahres wie auch für die acht Tomografien des gesamten 2-jährigen Zeitraums. Die Ergebnisse dieser Studie wiederholen die elementare Wichtigkeit einer frühzeitigen Behandlung der MS, um der Häufung irreversibler Nervenschädigungen begegnen zu können.
Die Forscher folgern: "Die Studie etabliert Glatiramer-Acetat als Behandlungsoption für Patienten mit dem Clinically Isolated Syndrom, die sich zu einer frühzeitigen Behandlung entschlossen haben, um den zu Grunde liegenden Prozess der Erkrankung besser kontrollieren zu können."
In einem Begleitkommentar folgern Dr. David H. Miller vom UCL Institute of Neurology in London sowie Dr. Siobhan M. Leary vom National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London: "Die wichtigste bislang ungedeckte therapeutische Notwendigkeit ist, Therapien zu finden, die fortschreitende irreversible Behinderungen verzögern, vermeiden oder sogar rückgängig machen. Strategien, die zusätzlich zu oder anstatt einer Immunmodulation auf Neuroprotektion und Reparatur zielen, könnten für diese Zielsetzung notwendig werden."
Quelle: G Comi and others. Effect of glatiramer acetate on conversion to clinically definite multiple sclerosis in patients with clinically isolated syndrome (PreCISe study): a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61259-9
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