THE LANCET 21.08.09
 

Alarmierender Zustand des amerikanischen Gesundheitssystems trotz hohen Bruttoinlandsprodukts
Noch im Verlauf der erbittert geführten Debatte um die Gesundheitsreform in den USA muss die Nation erkennen, dass trotz ihres Wohlstands geschätzte 47 Millionen ihrer Bürger keinerlei gesundheitliche Fürsorge haben. In einem vorab 'Online First' veröffentlichten Artikel stellen Pulitzer-Preisträgerin und Bestsellerautorin Laurie Garrett (Rat für auswärtige Beziehungen, CFR) sowie Kollegen fest, dass die Schaffung einer allgemeinen Krankenversicherung nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt eines Landes in Verbindung stehe. Die Autoren zitieren mehrere Beispiele weitaus ärmerer Länder, die diese Fragestellung besser gelöst hätten.

Zusätzlich zu den oben genannten absolut ungeschützten amerikanischen Bürgern kommen weitere 25 bis 45 Millionen Einwohner, die derart unzureichend versichert sind, dass wichtige medizinische Ereignisse den finanziellen Bankrott der Familie zur Folge hätten. Studien konnten nachweisen, dass zumindest die Hälfte aller von US-amerikanischen Familien eingereichten Bankrotterklärungen des Jahres 2005 von medizinischen Ereignissen verursacht wurden, die die familiären finanziellen Verhältnisse katastrophal beeinflussten.

Dennoch haben viele Länder mit geringem Bruttoinlandsprodukt wie Costa Rica, Kuba, Gambia und Gabun im Vergleich zu wohlhabenderen Ländern wie China, Indien und den USA eine beeindruckende Krankenversicherungsleistung erreicht. Viele Länder mit niedrigem Einkommensstatus kämpfen allerdings mit den offensichtlichen finanziellen Engpässen, was bedeutet, dass manche nicht das Minimum von 34 US-Dollar pro Person pro Jahr für gesundheitliche Fürsorge ausgeben können, wie es von der Wirtschaftskommission der Weltgesundheitsorganisation WHO als notwendig erachtet wird. Einige Länder liegen deutlich darunter, wie Bangladesch (12 Dollar) und Athiopien (4 Dollar). Die notwendigen Auslagen können Familien finanziell lähmen und sie zwingen, Mittel aus anderen Quellen umzuleiten, beispielsweise indem sie die Kinder aus der Schule nehmen.

Garrett und Kollegen bemerken, dass diese 'verdrehte ökonomische Tendenz' dadurch gekennzeichnet sei, dass die ärmsten Menschen die teuerste Fürsorge hätten; gemessen als Prozentsatz des persönlichen Einkommens und ohne den Nutzen einer Krankenversicherung oder eines Sozialschutzes. Dies trage wesentlich zur Müttersterblichkeit wie auch zu den elterlichen Entscheidungen bei, Mädchen eine Schulbildung zu verweigern. Die Einführung von Finanzierungsmodellen für die allgemeine Gesundheitsfürsorge verbessert andererseits jedoch die Leistungsfähigkeit in anderen sozialen Sektoren wie Bildung und verringert Konkurse und andere finanzielle Notfälle.

Die Autoren stellen fest, dass die Länder, die mit Strategien zur allgemeinen Gesundheitsfürsorge größten Erfolg hatten, drei Fragen auf höchster politischer Ebene zu klären vermocht hätten. Erstens, welche Rolle und Verantwortung für die Gesundheit seiner Bürger kommt dem Staat zu? Zweitens, welche Verantwortung hat der Einzelne für seine Gesundheit? Drittens, welche Rolle und Verantwortung kommt Dritten zu, und inwieweit sind diese akzeptabel?

Mexiko hat als Staat alle drei Fragen beantwortet, indem es seine Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge von 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Jahres 2003 auf 6,5 Prozent im Jahr 2006 anhob. Innovative Modelle wurden entwickelt, um Besteuerung, individuelle wie auch Beiträge der Arbeitgeber zu nutzen. Bis 2007 nahm die Zahl der mexikanischen Krankenversicherten um 20 Prozent zu, die Abfrage von gesundheitlichen Dienstleistungen schnellte empor und die Anzahl der Haushalte, die einer Verarmung gegenüberstanden, ging zurück. Mexiko ist auf dem Weg, seine Zielsetzung einer allgemeinen Krankenversicherung bis 2010 zu erreichen. Dies gilt auch für das gesamte Lateinamerika, was somit Afrika, dem mittleren Osten und Asien die Hoffnung geben kann, vergleichbar positive Schritte erzielen zu können.

Die Autoren sind der Meinung, dass die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung über solche Versicherungsmodelle, die zunächst spezifische Gruppen ansprechen, ein zunehmend an Zugkraft gewinnender strategischer Ansatz wäre. Diese Gruppen wären Frauen und Kinder, die Ärmsten der Bevölkerung sowie Personen mit verhängnisvollen Erkrankungen. Eine neue, mit den Millenium-Entwicklungszielen verknüpfte globale Kampagne beispielsweise fördert "kostenlose qualitative Vor-Ort-Dienstleistungen für Frauen und Kinder sowie die Rücknahme weiterer Zugangsbeschränkungen." Mit seiner diesjährigen Rede vor dem Global Health Forum in New York hat UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon die Bemühungen um eine allgemeine Krankenversicherung sowie kurzfristigen Zielsetzungen gegenüber armen und verletzlichen Bevölkerungsgruppen unmissverständlich unterstützt.

Die Forscher folgern: "Die Weltgemeinschaft wäre gut beraten, jene Anstrengungen zu stärken, die eine Gesundheitsfürsorge für alle sichern wollen. Dazu zählt auch, die Zielsetzungen und Bestrebungen der Länder bezüglich Gesundheit, Rechte und Armut mit allen geldgebenden Nichtregierungsorganisationen zu verknüpfen. Diese Bemühungen verlangen Einsatz an mehreren Fronten, beginnend mit dem politischen Willen der Regierungen und der Zivilgesellschaft."

Quelle: L Garrett and others. All for universal health coverage. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61503-8

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