31.07.09
Keine zuverlässige Diagnose von Depressionen durch Allgemeinärzte
Eine Metaanalyse von mehr als 50 000 Patienten zeigt, dass Allgemeinärzte immer noch Probleme damit haben, Depressionen richtig zu erkennen - bei einer erheblichen Anzahl wird die Krankheit übersehen oder fälschlich diagnostiziert. Demnach liegt nach einer Erstkonsultation die Quote von falsch positiv diagnostizierten Patienten höher als die Zahl der korrekt identifizierten Erkrankten. Die Genauigkeit ließ sich verbessern, wenn bei Krankheitsverdacht die Betroffenen noch einmal untersucht wurden. Zu diesen Schlussfolgerungen kommt ein online vorab veröffentlichter Artikel von Dr. Alex Mitchell, Dr. Amol Vaze und Dr. Sanajay Rao vom Leicester Partnership Trust und der University of Leicester in Großbritannien.
Die Untersuchung fasste 41 Studien zusammen, die alle einen robusten Zielerreichungsstandard eines semistrukturierten Fragebogens zur Feststellung einer Depression aufwiesen. Die Forscher stellten fest, dass Allgemeinärzte etwa die Hälfte der Menschen mit einer klinischen Depression richtig erkannten. Ein typischer Allgemeinarzt, der in seiner städtischen Praxis Depressionen zu erkennen versucht und etwa 100 Fälle in zwei Tagen sieht, wäre mit 20 Fällen von echter Depression konfrontiert. 10 davon würde er korrekt diagnostizieren, doch genauso viele übersehen. Von den verbleibenden 80 nicht depressiven Patienten würde er 15 überdiagnostizieren (knapp 20 Prozent) und weitere 65 richtigerweise beruhigen (gut 80 Prozent). In ländlicher Gegend läge die Zahl falsch-positiv diagnostizierter Patienten dreimal so hoch wie die der wirklich erkrankten (17 gegenüber 5). Auf nationaler Ebene, wo 78 Prozent der Bevölkerung ihren Hausarzt einmal im Jahr aufsuchen, würden 12 Prozent an klinischer Depression leiden. Etwa die Hälfte davon würde korrekt erkannt, von den verbleibenden 66 Prozent der nicht Betroffenen, die ihren Arzt aufsuchen, würden bis zu 12 Prozent womöglich als depressiv fehldiagnostiziert, falls sich der Arzt auf das Ergebnis einer Einzelkonsultation verlässt.
Warum sich Allgemeinärzte mit der Diagnose von Depressionen so schwer tun, führen die Autoren auf die geringe Häufigkeit der Krankheit zurück. Dass nur einer von fünf Menschen wirklich an klinischer Depression leide, bedinge eine hohe Zahl an falsch-positiven Befunden. Auch würden schwere Fälle der Krankheit leichter diagnostiziert als milde Varianten. Ein dritter Faktor - die kurze Konsultationszeit - könnte ebenfalls dazu beitragen, da dies womöglich verhindere, dass die Probleme umfassend zur Sprache kommen. Die Verfasser erklären, dass Allgemeinärzte stets darauf vorbereitet sein müssten, Menschen in Schwierigkeiten hinsichtlich Depressionen zu befragen. Wenn Ärzte potenzielle Depressionsbetroffene in zwei statt einer Sitzung untersuchten, würde die Genauigkeit der Diagnose auf 90 Prozent steigen, errechneten die Autoren.
"Unsere Ergebnisse sollten nicht als Kritik an Allgemeinärzten verstanden werden, keine Depression diagnostizieren zu können. Sie ist vielmehr ein Appell für mehr Verständnis für die Probleme, denen sich Nichtspezialisten gegenüber sehen. Es gibt keine Hinweise, wonach Allgemeinärzte schlechter abschneiden als andere nicht-psychiatrisch ausgebildete Mediziner", erklären die Autoren.
"Da bei einer einmaligen kurzen Konsultation nur die Hälfte der Betroffenen korrekt erkannt wird, raten wir an, dass weitere Sitzungen für vermutete Depressionspatienten ermöglicht werden sollten. Wiederholte Untersuchungen durch den Allgemeinarzt oder andere Experten in einem Kollaborationsmodell mit einem Case Manager könnte die diagnostischen Fehler reduzieren und die Qualität der Gesundheitsversorgung insgesamt verbessern", schließen die Wissenschaftler.
In einem Begleitkommentar äußert Professor Peter Tyrer, Leiter des Department of Psychological Medicine des Imperial College London: "Wenn es hinsichtlich der Diagnose von Depression schon unter den führenden Köpfen der Psychiatrie keine einheitliche Meinung gibt, wie können wir dann erwarten, dass Allgemeinmediziner die Krankheit korrekt erkennen können?"
"Es wäre besser, die Behandlungsoptionen für verbreitete seelische Krankheiten in der Primärversorgung auszuweiten. Diese Intervention [psychosoziale Intervention für Depression] ist effektiv, kostet aber mehr Geld und wird mit anderen Prioritäten konkurrieren", schließt er. "Bis dahin kann man nur hoffen, dass die neuen Überarbeitungen der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und des Diagnostische and Statistische Handbuch der psychischen Krankheiten die Nosologie von seelischen Störungen in solcher Weise abändern, dass die derzeitigen Einteilungen vergessen werden können."
Quelle: AJ Mitchell and others. Clinical diagnosis of depression in primary care: a meta-analysis. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)60879-5
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