24.07.09
Ärztliches Ethos und Guantanamo: Zeit für Reformen
Im Gefangenenlager Guantanamo Bay sind dringend Reformen hinsichtlich des ärztlichen Ethos und dem medizinischen Status von Gefangenen nötig, fordert ein aktueller Standpunkt-Artikel. Er beleuchtet auch das Problem der Selbstüberwachung der US-Streitkräfte. Verfasst wurde er von Professor George Annas von der Boston University School of Public Health und Leonard Rubenstein von Physicians for Human Rights in Cambridge, Massachusetts, und dem United States Institute of Peace in Washington D.C.
Der Artikel bezieht sich auf einen von US-Präsident Barack Obama beauftragten Report, der die gängigen Praktiken in Guantanamo Bay beleuchtet. Diese Studie wurde von Admiral Patrick Walsh geleitet, dem stellvertretenden Oberbefehlshaber der US Navy. Die Autoren des Lancet-Artikels äußern eine Reihe von Bedenken gegen die im Report enthaltene Billigung, medizinisches Personal weiterhin zur Zwangsernährung von hungerstreikenden Gefangenen einzusetzen. Zu den Kritikpunkten zählt unter anderem die Missachtung ethischer Standards, die Ärzten verbietet, entscheidungsfähige Gefangene zwangszufüttern; der Einsatz eines geheimen medizinischen Protokolls, das Zwangsernährung autorisiert; dass ein Nichtmediziner (der Kommandant der Militärbasis) die Entscheidung über das Vorgehen trifft; und den Einsatz von Stühlen mit Hand- und Fußfesseln. Sie bemerken außerdem, dass es Admiral Walshs Team versäumt habe, die von der Bush-Regierung vorgenommene Autorisierung der Teilnahme von Ärzten und anderem medizinischen Personal im Verhör von Gefangenen in Frage zu stellen, obwohl internationale und inländische ethische Standards diese Praxis verurteilen.
Admiral Walshs Team kam zu dem Schluss, dass "die Bandbreite, Qualität und Dokumentation der Gefangenenbetreuung ähnlich und in den meisten Fällen sogar identisch sei mit der Betreuung, die Angehörige der US-Armee erhielten", und dass die psychische Gesundheit der Gefangenen im Vergleich zu anderen Inhaftierten in den USA vergleichsweise gut abschneidet. Walshs Team führte jedoch keine unabhängigen medizinischen Untersuchungen der Gefangenen durch, und das Verteidigungsministerium hatte jegliche unabhängige medizinische oder psychologische Untersuchung von Gefangenen verweigert. Unabhängige Untersuchungen von ehemaligen Häftlingen offenbarten schwere psychische Schäden durch die Haft.
"Im Walsh-Bericht wird deutlich, welche Schwierigkeit darin liegt, wenn sich das Verteidigungsministerium selbst überprüft. Dieser Report verteidigt nicht die vielen Militärärzte und Psychologen, die mit Ehre und Integrität wirkten. Das Dilemma doppelter Loyalität im militärischen Medizinwesen wird nicht angesprochen. Die Frage der Entscheidung, wann, wenn überhaupt, Ärzte von den grundlegenden Prinzipien ärztlichen Ethos' abweichen können, wird nicht diskutiert. Drei Dinge sind nun nötig. Zum ersten muss das Verteidigungsministerium Praktiken abschaffen, die mit dem ärztlichen Ethos unvereinbar sind, wie Ärzte im Verhör von Gefangenen und gegebenenfalls bei Hungerstreik deren Zwangsernährung einzusetzen. Die Regel im US-Militär sollte sein, dass Militärärzte nie gegen den medizinischen Ethos verstoßen müssen, wenn sie ihrem Land dienen. Zweitens sollte das Verteidigungsministerium unabhängige medizinische Überprüfungen der körperlichen und seelischen Gesundheit der Inhaftierten von Guantanamo Bay und anderen US-Militärgefängnissen erlauben. Drittens sollte eine unabhängige Kommission eingerichtet werden, die nicht nur das gesamte Regime von Inhaftierung und Verhör von Terrorverdächtigen in den USA überprüft (mit besonderem Fokus auf Ärzten und Psychologen), sondern auch die Vorschriften des Verteidigungsministeriums für den Umgang mit hungerstreikenden Häftlingen."
Quelle: LS Rubenstein and J Annas . Medical ethics at Guantanamo Bay detention centre and in the US military: a time for reform. Lancet 2009; 374: 353
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