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THE LANCET   24.07.09
 
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Homosexuelle in Afrika: die Vergessenen der HIV-Pandemie

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Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), zählen in Afrika südlich der Sahara zur Hochrisikogruppe für eine HIV-Infektion - doch religiöse, politische und soziale Stigmen verhindern, dass diese isolierte Gruppe Zugang zu lebenswichtigen Hilfsangeboten erhält. Die HIV/Aids-Gemeinschaft muss daher grundlegende Schritte unternehmen, um diese Notlage zu beenden. Die notwendigen Punkte diskutieren Dr. Adrian D. Smith von der University of Oxford und Kollegen in einem online vorab veröffentlichten Übersichtsichtsartikel.

Die Bedürfnisse von MSM im südlichen Afrika anzugehen und zu klären, wird die HIV-/Aids-Gemeinschaft vor erhebliche Herausforderungen stellen; Homosexualität ist in den meisten Ländern verboten, und politische wie soziale Anfeindungen sind verbreitet. Eine effiziente Bekämpfung von HIV/Aids erfordert aber eine verbesserte strategische Information über alle Risikogruppen, inklusive MSM. "Afrikanische MSM haben ein erheblich größeres HIV-Ansteckungsrisiko als andere Männer und verweisen auf einen bislang nicht erfüllten Bedarf an Prävention, Behandlung und Betreuung", so die Autoren.

Als in den 1980er Jahren klar wurde, dass die heterosexuelle Ansteckung in Afrika vorherrschte, verschwand der potenzielle Beitrag der MSM innerhalb dieses Modells schnell aus der Diskussion. Doch wie überall auf der Welt, gibt es auch in Afrika MSM, mit ihrer eigenen Dynamik und spezifischen Bedürfnissen, und das innerhalb eines sozial unterdrückenden Systems.

Auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2003 bis 2009 erklären die Autoren, dass die HIV-Verbreitung bei afrikanischen MSM im Allgemeinen weit über der erwachsener Männer der Gesamtpopulation liegt. In einigen westafrikanischen Ländern zum Beispiel liege die Quote mehr als 10-Mal so hoch wie der Schätzwert für die männliche Durchschnittsbevölkerung. Die Differenz schwankt erheblich, doch in den meisten untersuchten Ländern war die Häufigkeit unter MSM größer. Die Autoren schreiben: "Zu den wichtigen Erkenntnissen aus Verhaltensstudien an afrikanischen MSM zählt, dass ungeschützter Analsex verbreitet ist, das Wissen über und der Zugang zu ausreichenden Schutzmaßnahmen ungenügend und dass viele MSM in gewissen Kontexten auch transaktionalen Sex betreiben. Stigma, Gewalt, Haft und das Fehlen sicherer sozialer und gesundheitlicher Ressourcen werden häufig beschrieben."

Die HIV-Ansteckung bei afrikanischen MSM scheint nicht unabhängig von der in der allgemeinen Bevölkerung zu verlaufen. Viele afrikanische MSM haben sowohl weibliche als auch männliche Sexualpartner. Frühe HIV-Tests bei weißen MSM in Südafrika zeigten, dass sie mit einem HIV-Typ infiziert waren, der Verbindung zu europäischen Populationen hat. Tests in Kenia und dem Senegal zeigten jedoch, dass afrikanische MSM eine ähnliche Mixtur von Virusstämmen aufweisen wie die Durchschnittsbevölkerung.

Es wurden Methoden entwickelt, mit denen der Anteil neuer HIV-Infektionen je nach Risikogruppe, auch MSM, abgeschätzt werden kann, um so die lokalen Maßnahmen und Ressourcenverteilung auf dem laufenden Stand zu halten. 2008 enthielten die von allen UN-Staaten angeforderten Kerndaten zum Fortschritt bezüglich der Verpflichtungserklärung der UN-Sondersitzung von 2001 zu HIV/Aids (UNGASS) erstmals Angaben zu Risikobewusstsein und -verhalten, HIV-Prävalenz und Zugang zu Behandlungsangeboten für MSM. Die wartenden Herausforderungen gut illustrierend: 35 von 52 afrikanischen Ländern konnten keine Informationen zu MSM liefern.

Die Autoren diskutieren einige der Herausforderungen und Irrglauben, denen sich MSM gegenüber sehen. Kondome und Gleitmittel für sicheren Sex sind entweder nicht erhältlich oder übermäßig teuer. Informationsmaterial zur Prävention, das sich an Heterosexuelle richtet, könnte von MSM als für sie nicht zutreffend angesehen werden, und afrikanische MSM betrachten womöglich gleichgeschlechtlichen Sex gar nicht als solchen, weil dieses Wort auch die Bedeutung "Fortpflanzung" beinhaltet. Die Auffassung, dass Analsex oder Sex unter Männern keine HIV-Ansteckungsgefahr bietet und genau deshalb sogar gesucht wird, taucht immer wieder auf. Sex unter Männern ist in 31 Ländern verboten und kann in vier Ländern sogar mit der Todesstrafe geahndet werden. MSM kämpfen mit dem Ausschluss aus der Familie, öffentlicher Erniedrigung, Schikanierung durch die Behörden und Spott von Angestellten des Gesundheitswesens. Viele MSM verstecken ihre Neigung aus diesen Gründen.

Es besteht jedoch eine gewisse Hoffnung, trotz Stigma und Vorurteilen. Wie sich auf den letzten afrikanischen und internationalen HIV/Aids-Konferenzen zeigte, steigt die Forschung im Bereich MSM in beispiellosem Maße. Die WHO veranstaltete ihre erste technische Sitzung zum Thema MSM und die Prävention und Behandlung von HIV. Afrikanische Forscher, MSM-Vertreter und Leiter der nationalen Aids-Programme trafen sich letztes Jahr in Kenia und Südafrika, um die Fragen zu diskutieren. Unterdessen gibt es keine Rechtfertigung dafür, die grundlegenden Elemente für eine Reduzierung der Ansteckungsgefahr bei MSM wie Kondome, Gleitmittel auf Wasserbasis, Informationsmaterial, Beratung, Betreuung und Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten zu verzögern.

Die Autoren schließen: "In den frühen 1980er Jahren wurde 'Schweigen = Tod' zur Parole der MSM-Aktivisten in den USA, mit der sie die Aufmerksamkeit für eine Schrecken verbreitende neue Krankheit weckten, die von den Regierungsvertretern und der allgemeinen Bevölkerung weit gehend ignoriert oder sogar verleugnet wurde. Fast drei Jahrzehnte später hält das Schweigen in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara noch immer an, getrieben von dem kulturellen, religiösen und politischen Unwillen, MSM als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu akzeptieren. Und der Effekt des Schweigens ist derselbe, die anhaltende Verweigerung effektiver HIV/Aids-Prävention und -Behandlung schädigt die nationalen Reaktionen auf HIV/Aids, wobei die Konsequenzen nicht nur MSM, sondern alle zu tragen haben. Die Herausforderung besteht nun darin, dieses Schweigen zu brechen, das Problem anzuerkennen und darin voranzukommen, die so dringend benötigten Programme zur Prävention und Betreuung zu entwickeln und einzubinden."

Quelle: AD Smith and others . Men who have sex with men and HIV/AIDS in sub-Saharan Africa. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61118-1
 
http://www.thelancet.com
 
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