THE LANCET 17.07.09
 

Einschränkungen für Clozapin könnten weltweit Tausende zusätzliche Todesfälle schizophrener Patienten verursacht haben
Die auf Grund von Sicherheitsbedenken eingeführten Beschränkungen in der Anwendung des Neuroleptikums Clozapin könnten weltweit Tausende zusätzliche Todesfälle zur Folge gehabt haben. Denn wie eine neue Studie zeigt, geht der Gebrauch von Clozapin (ein Medikament der zweiten Generation) - oder auch anderer Antipsychotika - im Vergleich mit der Anwendung von Perphenazin, dem Standardmedikament der ersten Generation, mit einer um 26 Prozent geringeren Sterblichkeit einher. Darüber hinaus liegt die Mortalität bei Neuroleptikaeinnahme insgesamt um etwa 20 Prozent niedriger, als wenn keine entsprechenden Medikamente verabreicht werden. Zu diesen Ergebnissen kommt ein online vorab veröffentlichter Artikel von Professor Jari Tiihonen, Universität Kuopio und dem Niuvanniemi-Hospital in Finnland, und Kollegen.

Die Einführung verschiedener Neuroleptika der zweiten Generation in den 1990er Jahren soll die Mortalität von Schizophrenie-Patienten negativ beeinflusst haben, so die verbreitete Meinung. In dieser populationsbasierten Studie nutzten die Autoren nationale finnische Register, um für den Zeitraum zwischen 1996 und 2006 die kausalspezifische Sterblichkeit von etwa 67 000 Patienten mit jener der Gesamtbevölkerung (5,2 Millionen) zu vergleichen und diese Daten mit der Einnahme von antipsychotischen Medikamenten in einen Zusammenhang zu bringen. Sie erfassten die Gesamtmortalität (unabhängig von der Todesursache) von ambulant behandelten Schizophrenie-Patienten für aktuelle und kumulative Neuroleptika-Einnahme im Vergleich zu keiner Einnahme solcher Medikamente, sowie die Exposition gegenüber den sechs am häufigsten eingesetzten Medikamenten im Vergleich zur Perphenazin-Anwendung.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich die Lücke in der Lebenserwartung im Alter von 20 Jahren zwischen Schizophrenie-Patienten und der normalen Bevölkerung zwischen 1996 (25 Jahre) und 2006 (22,5 Jahre) nicht vergrößert hat, obwohl die Einnahme von Neuroleptika der zweiten Generation (im Vergleich zu allen eingesetzten Neuroleptika insgesamt) von 13 auf 64 Prozent während der Nachuntersuchungszeit gestiegen war. Verglichen mit dem Einsatz von Perphenazin weist Quetiapin das höchste Risiko der Gesamtsterblichkeit auf (Steigerung um 41 Prozent), während Clozapin den Wert sogar senkt (Abnahme um 26 Prozent). Langfristige kumulative Anwendung (7 bis 11 Jahre) jeglicher antipsychotischer Therapie ging mit einer um 20 Prozent reduzierten Mortalität einher im Verglich zu keiner Medikamenteneinnahme. Bei Patienten, die ein oder mehrere Neuroleptika verschrieben bekamen, beobachteten die Wissenschaftler einen umgekehrten Zusammenhang zwischen Mortalität und Dauer der Anwendung.

Die Autoren geben ihrer Verwunderung Ausdruck, dass ausgerechnet Clozapin, dessen Verwendung von Behörden auf Grund von Sicherheitsbedenken eingeschränkt wurde, mit der niedrigsten Mortalität assoziiert war. "Unsere Ergebnisse lassen die Frage aufkommen, ob Clozapin als Erstlinienbehandlung eingesetzt werden sollte, da es das sicherste Neuroleptikum hinsichtlich der Sterblichkeit ist und auch das wirksamste. Allerdings ist Clozapin billig und seine Vermarktung für die Pharmaindustrie daher nicht profitabel im Vergleich zu anderen Antipsychotika der zweiten Generation. Darüber hinaus stellen die momentanen Anwendungsvorschriften ein Hindernis dar, da sie mit einer vermehrten Einnahme von Clozapin nicht zu vereinbaren wären, weshalb Ärzte und Pfleger wohl eher abgeneigt wären, eine Clozapin-Therapie zu starten.

Zum Schluss betonen die Forscher, dass eine Langzeittherapie mit Neuroleptika mit einer geringeren Mortalität einhergeht als überhaupt keine Medikamenteneinnahme. Sie erklären: "Die Einschränkungen im Gebrauch von Clozapin und Thioridazin wurden ohne übergreifende Risiko-Nutzen-Abschätzung angeordnet. Unsere Ergebnisse lassen vermuten, dass diese Instruktionen und Empfehlungen (abgesehen von der Blutüberwachung) weltweit Tausende vorzeitige Todesfälle verursacht haben könnten von Patienten, die andere mit einem höheren Sterblichkeitsrisiko assoziierte Neuroleptika eingenommen haben. Unserer Meinung nach sollten solche Restriktionen und Empfehlungen auf solider wissenschaftlicher Beweislage zur Sicherheit von Medikamenten beruhen. Dieses Beispiel unterstreicht den Bedarf nach großen, nationalen Datenbanken, die für die Überwachung der Medikamentensicherheit genutzt werden können."

In einem Begleitkommentar mahnen Dr. Lydia A. Chwastiak und Dr. Cenk Tek vom Department of Psychiatry an der Yale School of Medicine in New Haven: "Diese Ergebnisse bedeuten, dass Berichte, wonach Clozapin bei afroamerikanischen Schizophrenie-Patienten unterdurchschnittlich genutzt wird, noch Besorgnis erregender sind." Sie schließen: "Die Lücke in der Sterblichkeit in dieser Studie ging vorwiegend auf Todesfälle in jungen Jahren zurück - die Differenz in der Lebenserwartung zwischen Schizophrenie-Kranken und der allgemeinen Bevölkerung war bei 20-Jährigen größer als bei 40-Jährigen. In der derzeitigen Krise der ungleichen Patientenversorgung scheinen manche Unterschiede ungleicher zu sein als andere."

Quelle: J Tiihonen and others. 11-year follow-up of mortality in patients with schizophrenia: a population-based cohort study (FIN11 study). Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)60742-X

www.thelancet.com         [Drucken]   [Fenster schließen]