10.07.09
Probiotika in Functional Food keine Hilfe gegen schwere Unterernährung bei afrikanischen Kindern
Die Zugabe von probiotischen und prebiotischen Substanzen zu der herkömmlichen kalorienreichen therapeutischen Fertignahrung, die in Ernährungsprogrammen eingesetzt wird, lindert die schwere Unterernährung afrikanischer Kinder nicht. Allerdings verdient die Beobachtung weitere Untersuchung, dass sich die Mortalität ambulant behandelter Kinder verringerte, die derartige Nahrung erhalten hatten. Zu diesen Schlussfolgerungen kommt ein Artikel von Dr. Marko Kerac von Valid International UK, College of Medicine Malawi und UCL Centre for International Health and Development in London und seine Kollegen.
Probiotischen und prebiotischen Nahrungsmitteln werden positive Gesundheitseffekte über die bloße Bereitstellung essenzieller Nährstoffe hinaus zugeschrieben. Bei manchen Patienten lindern sie Durchfallerkrankungen, fördern die gesunde Darmflora, reduzieren schädliche Darmbakterien und beeinflussen direkt oder indirekt das Immunsystem. So sollten sie eigentlich auch bei schwerer akuter Unterernährung helfen, wenn die normale Darmfunktion beeinträchtigt ist, wie es bei Durchfall, Dünndarmüberwucherung, erhöhter Darmdurchlässigkeit und Dünndarmentzündung (Enteritis) der Fall ist. Allerdings bergen Probiotika ein geringes Risiko, invasive Entzündungen auszulösen - daher ist in immungeschwächten Patienten wie beispielsweise HIV-Infizierten Vorsicht geboten. Gute Risiko-Nutzen-Daten sind hierfür unerlässlich, und am dringendsten benötigen immunsupprimierte Kinder, die schwer unterernährt und HIV-infiziert sind, therapeutische Fortschritte. In dieser Studie erfassten die Forscher die Wirksamkeit von probiotischem und prebiotischem Functional Food in der Behandlung von schwerer akuter Unterernährung vor dem Hintergrund verbreiteter HIV-Infektionen.
Die randomisierte kontrollierte Studie untersuchte 795 malawische Kinder im Alter von fünf Monaten bis 16 Jahren. Nachdem sie zunächst mit Milchnahrung stabilisiert wurden, erhielten die Kinder spezielle Fertignahrung, die entweder das pro-/prebiotische Gemisch Synbiotic2000 Forte enthielt (399 Kinder) oder nicht (396). Die Behandlung erstreckte sich über im Mittel 33 Tage. Der primäre Endpunkt war eine normale Gewichtsentwicklung (das Erreichen von mindestens 80 Prozent des mittleren Weight-for-Height-Value). Sekundäre Endpunkte umfassten Tod, Gewichtszunahme, Erholungszeitraum und das Auftreten klinischer Symptome wie Durchfall und Fieber.
Die Forscher stellten fest, dass die Heilungsraten in beiden Gruppen vergleichbar waren: 54 Prozent in der Synbiotic-Gruppe gegenüber 51 Prozent in der Kontrollgruppe. HIV-infizierte Kinder hatten schlechtere Ergebnisse, allerdings wiederum ohne große Unterschiede zwischen den Gruppen. Eine Stichprobenauswertung zeigte eine geringere Sterblichkeit bei ambulant behandelten Kindern in der Synbiotic-Gruppe. Ursachen für das Gesamtbild könnten sein, dass probiotische Effekte Zeit brauchen, um sich zu manifestieren, oder auch manche von probiotischen Effekten unberührte Todesursachen wie Störung des Elektrolythaushaltes und Refeeding-Syndrom. Die Autoren folgern daraus: "Synbiotic2000 Forte verbesserte die Erfolge bei schwerer akuter Unterernährung nicht. Die Beobachtung einer geringeren Sterblichkeit ambulant behandelter Patienten mag Folge einer Verzerrung, Störvariable oder Zufall sein, ist aber biologisch plausibel, hat das Potential, sich auf die öffentliche Gesundheit auszuwirken und sollte in zukünftigen Studien untersucht werden."
In einem Begleitkommentar erklärt Professor Zulfiqar A. Bhutta von der Aga Khan University in Karachi, Pakistan: "Diese Daten unterstreichen die Schwierigkeiten, mit denen die Umsetzung geeigneter Maßnahmen im Umfeld schwacher Gesundheits- und politischer Systeme zu kämpfen hat. Die erfolgreiche Bekämpfung schwerer akuter Unterernährung auf kommunaler Ebene beruht auf drei Faktoren. Erstens müssen diese Programme horizontal in andere Interventionen in das Gesundheitssystem integriert werden, damit mittel- bis schwer unterernährte Kinder sofort erkannt werden und entsprechende essenzielle lebensrettende Hilfe über Nahrung hinaus erhalten. RUTF (gebrauchsfertige therapeutische Nahrung) allein reicht nicht aus, wenn nicht gleichzeitig auch Malaria, Lungenentzündung und Durchfall behandelt werden können. Zweitens muss für HIV-endemische Populationen schneller und ständiger Zugriff auf antiretrovirale Medikamente und ergänzende Unterstützung gegeben sein, damit Kinder überleben und von der Nahrungsmittelhilfe profitieren. Drittens und vielleicht am wichtigsten sind die Mobilisierung der kommunalen Gemeinschaft und die Bedarfsauslösung die einen Grundpfeiler kommunalen Managements darstellen, doch wird dieser Aspekt in Programmen größeren Maßstabs häufig ignoriert. Die Erfahrungen aus solchen Ansätzen auf Gemeindeebene in anderen Teilen der Welt mit Interventionen auf Mutter-Kind-Ebene zeigen, dass die Mobilisierung und Beteiligung der Gemeinschaft möglich sind."
Quelle: Zulfiqar A Bhutta. Addressing severe acute malnutrition where it matters. Lancet 2009; 374: 94 - 96
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