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THE LANCET   10.07.09
 
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Wirtschaftskrise steigert Selbsttötungs- und Mordrate

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Steigende Arbeitslosenzahlen wie während der derzeitigen Wirtschaftskrise lassen die Zahlen von Selbsttötungen und Morden in der Bevölkerung zunehmen. Die Zahl der Verkehrsunfälle geht dagegen zurück. Produktive Arbeitsmarktprogramme, die Stellen erhalten oder Betroffenen eine neue Arbeit verschaffen, können manche dieser negativen Effekte abschwächen. Zu diesen Schlussfolgerungen kommt ein online vorab veröffentlichter Artikel von Dr. David Stuckler von der University of Oxford und Professor Martin McKee von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und ihren Kollegen.

Viele Kommentatoren sagen, dass wirtschaftlicher Abschwung die Gesundheit negativ beeinflusst, da er zu psychischen und Suchtproblemen, verstärktem Stress und mehr Suiziden führen kann. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch die Ansicht, dass Rezessionen Menschen gesünder machen, da sie sich gesünder verhalten - indem sie beispielsweise laufen statt Auto fahren und Essen sowie Alkohol weniger übermäßig genießen. Doch welche Negativeffekte von Wirtschaftskrisen werden von den empirischen Daten am besten belegt? Die Autoren betrachteten, wie sich wirtschaftliche Veränderungen auf die Mortalitätsraten der letzten drei Jahrzehnte in 26 EU-Staaten ausgewirkt haben und arbeiten heraus, wie Regierungen diesen Effekten begegnen könnten.

Sie stellten fest, dass mit jedem Prozent Zunahme der Arbeitslosenzahlen die Suizidraten von unter 65-Jährigen um 0,8 Prozent stiegen - das entspricht zwischen 60 und 550 zusätzlichen Suiziden pro Jahr im EU-Gebiet. Auch die Morddelikte nahmen um 0,8 Prozent zu. Beide Effekte waren am deutlichsten in den Lebensjahren der Berufstätigkeit. Im Gegensatz dazu sank die Zahl der Verkehrsunfälle um 1,4 Prozent. Wenn die Arbeitslosenzahlen um 3 Prozent kletterten, wuchsen die Suizidraten der unter 65-Jährigen um 4,5 Prozent und die Sterberate durch Alkoholmissbrauch um 28 Prozent. Die Autoren stellten keinen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenzahl und Mortalität insgesamt im EU-Gebiet fest, wobei jedoch verschiedene Populationen unterschiedlich reagierten, abhängig von der jeweiligen sozialen Absicherung, die den Schaden durch Arbeitslosigkeit abmildern - wie produktive Arbeitsmarktprogramme. So erklären die Autoren, dass die schwächeren Schutzmaßnahmen für den Arbeitsmarkt in den zentralen und osteuropäischen Ländern ihre Bevölkerungen bei stark steigenden Arbeitslosenzahlen sehr anfällig für mögliche negative Gesundheitseffekte gemacht haben. Und mag es auch keinen landesweiten Effekt geben (manche Menschen werden gesünder, andere kranker), so deuten Forschungsarbeiten doch darauf hin, dass Menschen, die ihre Stelle verlieren, das höchste Risiko aufweisen - und zwar insbesondere jene, die den niedrigsten Bildungsstand haben. Die Autoren weisen auch darauf hin, dass ihre Studie sich nur mit Mortalitätsdaten beschäftigt und andere Effekte einer Rezession auf Risikofaktoren und Krankheiten nicht untersucht hat.

"Bereits 5 bis 7 Jahre nach Bankenkrise der späten 1920er und frühen 1930er Jahre scheinen sich manche negativen Gesundheitseffekte der Großen Depression manifestiert zu haben", erklären die Autoren. "Damit zusammen hängt die Befürchtung, dass Angst und Verunsicherung durch die momentane Krise sich als besonders langwierig erweisen könnten; dass sich die Sorgen und damit verbundenen Verhaltensweisen der Menschen (wie das Bedürfnis nach ärztlicher Betreuung oder Veränderungen in den Budgets der Gesundheitssysteme) sich auch dann nicht ändern werden, wenn sich der Markt erholt hat."

Sie schreiben weiterhin, dass die Effekte der derzeitigen Krise geringer ausfallen könnten, als von manchen Kommentatoren vorhergesagt (25 bis 290 zusätzliche Selbsttötungen in Großbritannien, die auf einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen zurückgehen). Sie fügen aber hinzu: "Obwohl der Finanzsektor wohl hauptverantwortlich für riskantes Verhalten in der derzeitigen Wirtschaftskrise ist, so zahlt doch die gesamte Gesellschaft die eigentliche Zeche."

Sie schließen: "Die Analyse lässt außerdem vermuten, dass Regierungen ihre Bevölkerungen schützen könnten, insbesondere durch Maßnahmen, die Menschen ihre Arbeit erhalten; die jenen helfen, die ihre verloren haben, mit den negativen Folgen der Arbeitslosigkeit zurecht zu kommen, und die sie darin unterstützen, möglichst schnell eine neue Stelle zu finden. Wir haben beobachtet, dass soziale Ausgaben für Arbeitsmarktprogramme von mehr als 190 Dollar pro Kopf in Kaufkraftparität den Effekt von Arbeitslosigkeit auf Sterberaten durch Suizid verringerten und damit eine besondere Möglichkeit für Konjunkturprogramme bieten, Investitionen in den Arbeitsmarkt mit Gesundheitsförderung zu vereinen."

In einem Begleitkommentar erklären Dr. Andreas Lundin und Dr. Tomas Hemmingsson vom Karolinska-Institut in Stockholm: "Wenn das Sozialsystem schwach ausgebildet ist, kann Arbeitslosigkeit den Schritt von psychischen Störungen zu Suizid beschleunigen. Nimmt man die abschwächenden Effekte der Vorteile von Arbeitslosigkeit heraus, ist das Ansteigen der Suizidzahlen mit den Arbeitslosenzahlen, wie Stuckler und Kollegen vermuten, plausibler."

Quelle: David Stuckler, Sanjay Basu, Marc Suhrcke, Adam Coutts, Martin McKee . The public health effect of economic crises and alternative policy responses in Europe: an empirical analysis. Lancet 2009; 374: 10.1016/S0140-6736(09)61124-7
 
http://www.thelancet.com
 
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