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Übersicht
Zivilisationskrankheiten und Schweinegrippe bedrohen indigene Völker Die weltweit annähernd 400 Millionen Angehörigen indigener Völker haben einen schlechten Gesundheitszustand - traditionell verbunden mit Unterernährung, Armut, Umweltverschmutzung und häufige Infektionen. Wenn diese Menschen jedoch einen modernen oder "westlichen" Lebensstil annehmen, schnellen Erkrankungen wie Fettleibigkeit, Herzkreislauf-Störungen und Typ-2-Diabetes in die Höhe. Ebenso nehmen die Fälle von körperlichen, sozialen und psychischen Erkrankungen drastisch zu, die mit dem Missbrauch von Alkohol und anderen Drogen zusammenhängen. Indigene Völker müssen geschult und ermutigt werden, selbst die Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. Dieses Thema wird im ersten von zwei Übersichtsartikeln diskutiert, verfasst von Professor Michael Gracey von der Unity of First People of Australia in Perth und Professor Malcolm King von der kanadischen University of Alberta in Edmonton. Die Autoren beschäftigen sich mit allen indigenen Völkern, konzentrieren sich jedoch auf die australischen Aborigines. Schlechte Lebensbedingungen, Unterernährung und Infektionen sorgen für eine hohe Gesundheitsbelastung bei indigenen Kindern - darunter Ohrenkrankheiten, Karies, Bindehautentzündung, Durchfallerkrankungen und Atemwegsinfekte. Krankheiten wie Masern, Mumps, Diphtherie, Röteln, Keuchhusten und Wundstarrkrampf, die in anderen Völkern durch Impfungen unter Kontrolle gebracht wurden, treten in manchen indigenen Völkern noch immer häufig auf und enden gelegentlich tödlich. "Diesem Sachverhalt sollte bei Aktionen von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen eine hohe Priorität eingeräumt werden", so die Autoren. Unterernährung ist häufig eine Folge von Armut und wird durch unzureichende Möglichkeiten der Nahrungsmittellagerung im Zuhause weiter verschärft. Etwa 15 Prozent der Aborigines-Kinder unter fünf Jahren im australischen Northern Territory sind untergewichtig, 11 Prozent sind in der Entwicklung zurückgeblieben und bei 9 Prozent liegt das Körpergewicht extrem unter dem normalen oder erwarteten Wert für ihr Alter. Umfassende Aufklärungsangebote in den Gemeinschaften, zu denen Betreuer, Gesundheitsbedienstete und die ganze Bevölkerung beitragen, können solche Wachstumsstörungen verhindern helfen. Schwangeren indigenen Frauen drohen eine ganze Reihe von Gesundheitsproblemen, darunter zu anstrengende körperliche Belastung (wie das Schleppen von Wasser über große Distanzen), Blutarmut, Harnröhreninfekte, unzureichende pränatale und postnatale Versorgung sowie Schwangerschaftsdiabetes, der einem permanenten Diabetes vorausgehen kann. Die Autoren schlagen vor, dass indigene Hebammen und Heiler mit herkömmlichen Gesundheitsbediensteten zusammenarbeiten, um diesen Frauen zu helfen. Die Gesundheitsbelastung durch Infektionskrankheiten von Hautinfektionen bis hin zu HIV übersteigt bei indigenen Völkern insgesamt jene anderer Gruppen. Hautinfektionen sind sehr verbreitet, insbesondere bei Kindern. Atemwegs- und Magen-Darm-Infekte treten oft gemeinsam auf und sorgen in weiten Gebieten für Erkrankungen und Todesfälle. Auch Mittelohrentzündungen, die zu permanentem Hörverlust führen können, sind häufig. Durchfallerkrankungen werden oft von anderen Infektionen und Unterernährung begleitet. Die HIV/Aids-Raten liegen in vielen indigenen Völkern wie den amerikanischen Indianern und den Aborigines sehr hoch. "Die HIV/Aids-Epidemie verschlimmert sich in der asiatisch-pazifischen Region rapide", mahnen die Autoren. In den vergangenen Jahren (1994-2002) betrug das Verhältnis von offiziell diagnostizierten HIV-Infektionen bei Indigenen zu Nicht-Indigenen 2 zu 1 bei den Männern und sogar 18 zu 1 bei den Frauen. Die "Verwestlichung" indigener Völker hat einen dramatischen Anstieg von chronischen Zivilisationskrankheiten verursacht. Kalorien-, fett- und salzreiche Ernährung, verknüpft mit abnehmender körperlicher Aktivität und genetischer Prädisposition, führte unter anderem bei 40 Prozent der Aborigines zu Diabetes. Betrachtet man allein die über 35-Jährigen, klettert der Wert sogar auf 60 Prozent. Manche Kinder sind bereits als Fünfjährige übergewichtig und haben eine Insulinresistenz entwickelt. Und die Diagnose "Diabetes" wird bei bis zu 17-jährigen Aborigines 18 Mal so häufig gestellt wie bei ihren nicht-indigenen Altersgenossen. Herzkrankheiten und Probleme im Zusammenhang mit Drogen, Tabak und Alkohol nehmen ebenfalls stark zu. In manchen indigenen Bevölkerungen steigt die Rate von Zivilisationskrankheiten um alarmierende 25 Prozent pro Jahrzehnt. Es zeichnet sich eine Katastrophe der internationalen Volksgesundheit ab. Elf Risikofaktoren in Kombination erklären 37 Prozent der Krankheitslast der australischen Urbevölkerung: Rauchen, Alkohol, Drogenmissbrauch, Fettleibigkeit, körperliche Inaktivität, obst- und gemüsearme Ernährung, Bluthochdruck, hoher Cholesterinspiegel, riskanter Sex, Kindesmissbrauch und Missbrauch des Intimpartners. All diese Faktoren können zu Krankheit, Verletzungen und Gewalt führen. Um die Kluft in der Gesundheit zwischen Indigenen und Nicht-Indigenen zu verdeutlichen, zitieren die Autoren Statistiken aus 193 Ländern. Demnach hatten 2003 alle australischen Männer zwischen 15 und 60 Jahren zusammengenommen das siebtniedrigste und alle australischen Frauen zusammengenommen das zwölftniedrigste Sterberisiko. Wertet man aber nur die Datensätze von Aborigines aus, rangieren diese an 131. Stelle - noch hinter Osttimor. "Die [australische] Regierung ist nun gefordert, diese Kluft und andere anhaltende Benachteiligungen der indigenen Bevölkerung zu beseitigen. Wahrscheinlich wird dies nicht wie geplant bis 2030 gelingen, trotz der größten Anstrengungen und unabhängig von den vorgeschlagenen verschiedenen sozialen wie medizinischen Strategien. Leider ist dem möglichen Nutzen, den eine sinnvollere Einbindung der australischen Ureinwohner und ihrer Gemeinschaften in dieser Aufgabe hätte bringen können, offenbar zu wenig Beachtung geschenkt worden", konstatieren die Autoren. Sie schlagen eine Reihe von Maßnahmen im Bereich Mütter- und Kindergesundheit, Ernährung, Infektions- und Zivilisationskrankheiten vor, die zur Schließung der Kluft beitragen könnten, und schließen: "Die Gesundheitsstandards indigener Völker sind inakzeptabel schlecht, doch besteht kein Anlass zu Verzweiflung. Eine Verbesserung der aktuellen Situation verlangt nach einer radikalen Neuorientierung bisheriger Strategien, die sich als ineffektiv erwiesen haben oder schlicht fehlten. Abgesehen von den vorgeschlagenen Maßnahmen halten wir es außerdem für wichtig, dass indigene Völker darin unterwiesen und ermutigt werden, selbst die Verantwortung für Programme und Dienste zu übernehmen, die ihre Gesundheit betreffen, und eng mit bestehenden Gesundheitssystemen zusammenzuarbeiten. Außerdem müssen vermehrt lokale, regionale und internationale Statistiken zur indigenen Gesundheit erhoben werden, um Zukunftstrends und den Erfolg von Interventionen erfassen zu können. Derzeit haben die meisten Länder keine derartigen Statistiken oder nur nicht verlässliche Informationen zum Gesundheitszustand ihrer Ureinwohner. Es ist jedoch geradezu unmöglich, ohne angemessene Daten Fortschritte im Laufe der Zeit zu messen." Und Professor Gracey fügt noch hinzu: "Erst kürzlich gab es den ersten Todesfall durch Schweinegrippe in Australien - ein junger Aborigine, der in der Wüste lebte. Er war in einem schlechten körperlichen Zustand, und sein Tod unterstreicht die Anfälligkeit einer großen Zahl von Indigenen für solche Infektionen. So starben während der großen Grippe-Pandemie von 1918 viele Aborigines in noch abgelegeneren Regionen." Quelle: M Gracey and M King. Indigenous health part 1: determinants and disease patterns. Lancet 2009; 374: 65 http://www.thelancet.com |
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